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Stefan Zeiler

Kunst - Text - Film

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NOAK. Kopflose Handlungen in einem Tiefdruckgebiet

Bühnenstück in 21 Bildern mit 1 Nachspiel
(frei zur UA, Rechte beim Autor)

Besetzung:
1 D (3 mit Nachspiel), 2 H (4 mit Nachspiel)
1 Dekoration, Musik, für Freiluftaufführung geeignet

Synopsis

Ein heruntergewirtschafteter Zirkus wird von einer Hochwasserflut überrascht. Zwei Artisten, Wettach und Noak, nützen die Gelegenheit und improvisieren eine Vorstellung, bei der sie, in Ermangelung anderer Attraktionen, Sprachkunststücke zum Besten geben. Dabei schlüpfen sie abwechselnd in die Rollen des verhassten Direktors und des genialen Sprechstallmeisters, die sie in respektlosen Clownerien verhöhnen und gegeneinander ausspielen. Cinzia, Noaks stumme Tochter, wird von ihrem Vater als ein mit übersinnlichen Talenten begabtes Naturwunder angepriesen, Wettach stellt sich widerwillig für Dressurakte zur Verfügung, bis am Ende Noak in einer Illusionsnummer scheinbar den Kopf verliert. In einem Nachspiel unterhalten sich vier Zuschauer, während die Sitzbänke sich mit wilden Tieren füllen.

Kommentar

Das Stück kreist um Untergang, um Verhinderung, um das absehbare Scheitern einer Zivilisation, der, in den Augen der Protagonisten, das Wasser bis zum Hals steht. Hochleistungsartistik und sinnvolle Handlung werden zu Schimären vor dem Hintergrund einer unberechenbar gewordenen Natur. Die Sprache selbst tritt über die Ufer und generiert einen temporeichen Handlungsstrudel, der zugleich ein Stillstand ist.

Erster Akt

Textauszug Bild 1 und 2

 NOAK
Kopflose Handlungen in einem Tiefdruckgebiet

Personen:
Josef Noak
Adam Wettach
Cinzia, Noaks Tochter (stumm)
Fabrikdirektor
Schuldirektor
Gattin des Fabrikdirektors
Gattin des Schuldirektors

Auf Tonband:
eine hohe lustige Stimme
eine tiefe lustige Stimme
eine freundliche weibliche Stimme

der Kopf des Direktors
der Schatten des Direktors
der Schatten des Sprechstallmeisters

Tiere, paarweise und allein

Ort:
ein überfluteter Ort an der Donau

Zeit:
Gegenwart


1. AKT

Ein Zirkus in Auflösung, die Kästen der Manegeeinfassung liegen verstreut herum,
dazwischen Podeste, einige umgestürzt. Im Hintergrund ein schwarzer Vorhang.
Regen schlägt gegen die Zeltplane. Die Manege stellenweise unter Wasser.

Noak und Wettach.
Noak in der Pose des Direktors.
Wettach mit sich selbst beschäftigt.
Auf einer Sitzbank ein dösender Hund. Er schlägt mit dem Schwanz auf
die Bank.

Bild 1

NOAK als Direktor, Richtung Wettach
wieder daneben
immer daneben
Konzentrationsschwund
Kräfteverfall
jeder Auftritt eine Qual, Josef
wir treten auf der Stelle
das Lama trifft nicht
in ihr Gesicht trifft das Lama nicht
in die Schüssel
in den Topf trifft es
in ihr Gesicht, Josef
schlägt sich mit der Hand auf die Stirn

trifft es nicht
Spucke trifft nicht ihre Stirn
das ist schlecht
Tritt ins Leere
Ausritt in das Ungefähre
Ungenaue
Fahrt ins Blaue
Fall ins Bodenlose, Josef
dieses Tier enerviert
es rentiert nicht
Sitzreihen lichten sich
Menschen stürzen blind zurück in ihr Geschick
ohne sich erholt zu haben
an den Wänden wächst der Schimmel
in den Zimmern steht der Schlamm
ungesund, sage ich
Wasser quillt von überall
füllt die Keller
nässt die Wangen
mir steht der kalte Schweiß auf der Stirn
wischt sich die Stirn

ja als Brilloff noch bei uns war
da stand uns die Welt noch offen
da war uns das Glück noch hold
und das Publikum gewogen
jetzt schlägt es uns zu Boden
jetzt lächelt es nicht mehr

keine Hilfe mehr von oben, Josef
alles liegt in ihrer Hand
machen sie einen Plan
Spielortroute geben sie an
s i e manövrieren jetzt das Schiff
einmal hoch
einmal tief
und verleimen alle Teile neu
wenn sie sinken, Josef
wissen sie
in das Ungewisse gehen wir alle

wendet sich von Wettach ab
Herr Sprechstallmeister, was meinten sie mit
die Natur würde sich übergeben

als Sprechstallmeister
eine Übersäuerung der Mägen
Felder haben Saatausfall
Sumpfanstieg unter Tag
und von oben Wiederauffüllung der Stollen
ein Ursprung
wenn sie so wollen, Herr Direktor
zieht seine Kreise
füllt alles aus
schmiert alles zu
Haus und Hof
wie' s einmal war
eingebettet in Natur
Wasser und Erde nur
das beweist womöglich einen vorhistorischen Zustand
ich sage Lehmboden
Pfahlbaukultur

als Direktor
ja ja die Vergangenheit
sie hat uns am Fuß gepackt
wir kommen nicht voran

als Sprechstallmeister
wer herumturnt ohne Netz
den fängt das Naturgesetz, Herr Direktor
wundern wir uns nicht zu sehr
manche finden die Natur auch schön
was sie tut ausgewogen
die Naturgesetze richtig
und das Leben bleibt nicht stehen

als Direktor, irritiert
soll heißen

als Sprechstallmeister
es geht weiter
alle Bäume haben Äste
alle Fische haben Flossen
meine Hände haben Finger
die Planeten zirkulieren

als Direktor
wie sie alles konzentrieren, Herr Sprechstallmeister
und vermessen

als Sprechstallmeister
es rotiert der Teller auf dem Finger schneller noch als auf dem Stabe
plötzlich sehr starker Regen, man meint Applaus zu hören

als Direktor
meine Damen meine Herren
halten sie sich nicht zurück
klatschen sie
jubeln sie

als Sprechstallmeister
und versuchen sie dann ihren überhitzten Kopf zu kühlen
Souveränität zu spielen
die Affekte zu besiegen
mit Gelassenheit das Vorüberziehen dieser Wassermassen
an sich abprallen zu lassen
versuchen sie einmal nichts zu spüren

als Direktor
Herr Sprechstallmeister
zeigen sie uns alle Lacken
Rinnsale
wie sie verlaufen
wir kennen uns nicht aus

als Sprechstallmeister
bitte
ich erkläre alles
wie die Bienen sich verlieren
weil sie keinen Sonnenstand mehr spüren
und daher improvisieren müssen
an Kaminen Firmenfahnen und Reklamen sich orientieren
wie ein Fliegen ist das für sie ohne Flügel
sieht von außen aus wie ein Vergnügen
wie ein Reiten ohne Zaum und Zügel
oder wie ein Dirigieren ohne Schlag

als Direktor
fabelhaft, Herr Sprechstallmeister
und so wahr klingt es auch
wie das Gurren einer Taube
Wettachs Magen knurrt

oder wie ein Magenknurren
vielleicht braucht das Lama
nur ein Stückchen Schokolade
vielleicht kommt es dann auf Trab
und die Trommel
was ist mit der Trommel
warum schlägt die Trommel nicht
rühren sie die Trommel, Wettach
alles wieder aus dem Takt
alles noch einmal von vorn
Herr Sprechstallmeister, sie haben das Wort
Wettach trommelt mit den Schuhsohlen gegen einen Kasten der Piste

als Sprechstallmeister, während Wettach trommelt
Haustor offen
Schuhe fort
Fußball im Glashaus
nicht nur Töpfe wie zerschlagen
auch die Blumen ohne Köpfe
und die Innenstadt verkackt
Balustraden tauchen ab
Karyatiden kriegen kalte Füße
die Atlanten klamme Waden
und Klaviere müssen mal
Danaen ölvermalt
auf den Gängen unverschalt
kalt mit Neon eingerieben
Bacchanale überhaupt nicht übertrieben
und kein Goldregen dieses Jahr

als Direktor
ihnen kann keiner das Wasser reichen
Herr Sprechstallmeister
wie sie das machen
aus dem Stand
sagenhaft

als Sprechstallmeister
jetzt wo alle Räder sinken
komme ich doch erst in Fahrt, Herr Direktor

gibt ein Beispiel, Wettach trommelt
Finger kramen in den Laden nach den Reisepässen und Gebissen
Kinder krümmen sich vor Freude unter Wiedersehensküssen

als Direktor
wie sie die Gedanken immer enger straffer ziehen
aber sagen sie, Herr Sprechstallmeister
so ein Strudel zieht doch hinab
wird einem
da nicht schwindlig

als Sprechstallmeister
das ist immer die Gefahr, Herr Direktor
Drehtürbewegung
wenn man so will
Hinterlegung von Vorwärtsbewegung
die Verhinderung Gewinn
Fortschritte deutliche machender Rückschritt
Sog hypnotisch
über Kreiselkräfte nur im Lot
kein Krawall
der bald vergeht
vielleicht Begegnung mit dem Urknall
demnächst
womöglich

als Direktor
Herr Sprechstallmeister
hoffentlich nicht

als Sprechstallmeister
eines ist doch wahr, Herr Direktor
die Landschaft ist ein Spiegel der baumelnden
aber auch der strauchelnden Seele
wie sie in den Zweigen zappelt
und sich im Gestrüpp verhakt
sehen wir nun immer klarer
das Gesicht den vielen Wasserfältelungen ausgesetzt
der Blick gerichtet in ein Schwemmholzdickicht
Füße festgebunden im Moor
und die Ellbogen fixiert in einem Kröten-
oder Schnecken-
oder Schmeißfliegengelege

als Direktor
Fruchtbarkeit allemal
ein Gedankenfischer sind sie
ihre Meinung
Störeier für meine Feier
wäre das zuviel verlangt
ich habe bald Geburtstag

als Sprechstallmeister
wir werden den Abend so ausbalancieren, Herr Direktor
daß sie sich bestimmt nicht blamieren
Herr Wettach will
soviel ich weiß
Tortenstücke dirigieren

als Direktor
fabelhaft
wie geht das

als Sprechstallmeister
er muß die Nummer erst einstudieren
und Herr Noak hat sich etwas ganz Spezielles ausgedacht
er will seinen Kopf vollständig von seinem Körper isolieren
keiner weiß noch
wie er das macht

als Direktor
was sie nicht sagen, Herr Sprechstallmeister
ich verstehe
die Erhebung
das Besondere
Herr Sprechstallmeister
Ausbildung großer Buckel
wirklicher Erhebungen

als Sprechstallmeister
ich verrate nicht zuviel

als Direktor
unser Traum, Herr Sprechstallmeister
dachte immer unerreichbar
dachte immer
nicht zu machen
große Buckel Kunstbuckel
fast zu unsicheres Land
Anblick besser aus der Ferne
dachte immer lieber nicht

als Sprechstallmeister
eine zugespitzte Sache freilich
künstlich sicherlich
der Kopf verurteilt von einem Gericht
aber er entkommt noch einmal
so hat Herr Noak mir das beschrieben
ein Lift durch die stockwerkartige Anordnung der Organe
der die Fahrt kurz unterbricht

als Direktor
hoch hinauf geht es wieder einmal

als Sprechstallmeister
und das alles ohne Tiere
nur die Tochter macht noch mit
ja von ihr hängt alles ab

als Direktor
es behält der väterliche Wille aber doch die Oberhand
keine Luftschlösser bitte
männlicher Gedankenbogen
der Verstand als feste Klammer

als Sprechstallmeister
ein Gummiband eher um den Verstand

als Direktor, zu Wettach
da bin ich ja gespannt
Josef, hören sie
ich bin dafür
geben sie nur
was sie haben
Wasser fließt
wo es kann
ideal auch momentan
Menschen steigen auf Balkone Mauerkronen
bis aufs Dach
sie werden gesehen, Josef
ist das nicht phänomenal
Publikum
überall
heizen sie den Leuten ein
daß es in den Augen beißt
daß es aus den Ohren raucht
hier wird alles heiß gegessen
heiß gekocht
heiß verdaut

WETTACH devot
bitte
haben der Herr Direktor nicht Asche am Schuh
halten der Herr Direktor die Zigarre nicht etwas nahe ans Stroh
hatten mit Verlaub der Herr Direktor
nicht gestern dunkleres Haar
zupft Noak an den Haaren, Noak irritiert

NOAK als Direktor
die Hauptlast liegt jetzt auf ihnen, Josef
dieser Umstand fordert sie ganz
sie hängen doch am Unternehmen
wie die Wanze an der Pflanze
wie das Spielzeug an der Schnur
Auswertung dieser Substanz, Josef
hier wurden sie neu geboren
hier nahmen ihre Kräfte zu
hier zogen sie die Konsequenz aus ihrer furchtlosen Natur
und dressierten nach und nach alle Tiere
jetzt sind die Tiere nicht mehr ihr Ziel

WETTACH
Herr Sprechstallmeister
muß sich der Herr Direktor nicht erholen an einer ausgewählten Luft
hat er nicht Farbe nötig im Gesicht
will er nicht seinen Blick reinigen in Agaven
die das Wasser halten können
zupft Noak an der Kleidung

NOAK
unbeirrt
sie haben, hör' ich
einen Plan
sie arbeiten an einer ungewöhnlichen Dressur, sagt man
eine Anspannung all ihrer Muskeln Nervenzentren usw
hat mir der Herr Jetzthammer gesagt
dazu merke ich Folgendes an
Aufruhr gegen die Natur
Selbstbeherrschung
Selbstbefragung
gegen Trägheit und Ermattung
für Bedeutung und Kultur
kein Heulen mit den Wölfen, Josef
ein Zurück gibt es nicht mehr

WETTACH Rührung vortäuschend
Herr Direktor, sie verschwinden doch nicht etwa
hauen ab
stehlen sich fort
brechen sie uns nicht das Herz
stechen sie uns nicht ein Loch
in die ohnehin schon überforderte Aorta

NOAK als Direktor
nicht dem Ansturm der veralteten Gefühle jetzt erliegen, Josef
sentimental waren wir nie
ich halte meine schützende Hand über sie
und vergessen sie eines nie
das Publikum will sich nur unterhalten nur vergnügen

WETTACH läßt von Noak ab
wo der Fluß herein will
etwas fressen will
hält man ihm einen festen Entschluß am besten vors Maul
das Wegseinwollen nämlich heißt 's
verspeist er grad wie nebenbei
ein Verlust zählt in der Überfülle der Erwägungen als schwerer Schlag
und doch werfen alle die Kleider ab
grad an einem heißen Tag
hüpfen heraus wie schlüpfende Motten
und springen hinein in den kochenden Krater
und halten ihn für ein kühles Bad

NOAK
spielen sie ihre Begabung aus
mein Abgang ihre Chance, Josef
sie der neue Prinzipal
machen sie aus sich etwas

WETTACH
wer setzt sich nicht gern in das wärmere Zimmer
noch dazu wenn ihn friert
er am ganzen Körper zittert
obgleich seine Stirne glüht

fühlt Noak den Puls
lustiger ist es nebenan immer
denkt man
wo die andern sind
wo es immer, Herr Direktor
irgendwas zu feiern gibt

Fröhliche Pausenmusik.
Wettach und Noak fühlen sich gegenseitig den Puls, horchen ihren Herzschlag ab,
klopfen sich auf die Knie usw.
Verstärkt Regen, man meint Beifall und Applaus zu hören.


Bild 2


WETTACH
feiern wir

NOAK
feiern wir

WETTACH
aber was

NOAK
feiern wir den schönen Tag

WETTACH
daß das Wetter uns nicht mag

NOAK
daß uns trotz der Niederschläge

WETTACH
Niederlagen Tiefschläge

NOAK
unsere Begabung nicht im Stich gelassen hat

WETTACH
feiern wir das Mittelmaß

NOAK konsterniert
wir brauchen einen Anlass

WETTACH
wenn wir aber keinen haben

NOAK
feiern wir das Übermaß
das Gewicht des Herrn Direktor
seine Stimme
seinen Bass

WETTACH stellt einen Stuhl zwischen sich und Noak
ein Hoch auf den Herrn Direktor

NOAK
lang lebe der Herr Direktor

WETTACH
auf die vielen Jahre
die er durchgehalten hat

NOAK
Prost, Herr Direktor

WETTACH
auf ihr Wohl

NOAK
Wettach, er hat nichts im Glas
konzentrieren sie sich, Wettach
schütten sie nicht daneben

WETTACH
dann zum Wohl, Herr Direktor

NOAK
auf ihr Wohl, Herr Direktor

WETTACH
auf die Zukunft, Herr Direktor

NOAK
nicht so gierig, Herr Direktor

WETTACH
er schluckt wie ein Reiher

NOAK
sie machen sich ja völlig nass, Herr Direktor
der Kopf des Direktors zuckt zurück

WETTACH
lieber Himmel
hin der Frack

NOAK
er braucht einen neuen Frack

NOAK, WETTACH zusammen, überlaut
sie brauchen etwas Neues zum Anziehen, Herr Direktor
einen neuen Frack
Wettach zieht seinen Rock aus, reicht ihn Noak
starker Regen, man meint Gelächter und Schenkelklopfen zu hören

NOAK präsentiert den Rock, zum Publikum
Ruhe bitte
wir probieren hier ein maßgeschneidertes Gewand
das alte hat genug getan
wir raten ab in seinen Falten noch zu suchen und zu waten
der Kopf des Direktors taucht wieder hinterm Vorhang auf

WETTACH
tun wir nicht

NOAK
weg damit

WETTACH
würde nur die Feier stören

NOAK
sehen sie, wie er schimmert
angemessen ihren glänzenden Verdiensten, Herr Direktor

WETTACH
und gibt in der Breite noch nach, Herr Direktor

NOAK
wollen sie ihn nicht probieren
ihren Frack, Herr Direktor

WETTACH
denn die Nacht bricht schon an
sie fängt schon zu rauschen an
und zu funkeln und zu klirren

NOAK
eine neue Ära hat sich für sie aufgetan, Herr Direktor

WETTACH
ist das nicht phantastisch, Herr Direktor

NOAK
wollen sie die Nacht denn nicht gleich durchmachen, Herr Direktor
und sich ganz in ihr verlieren und verirren

WETTACH
dann müssen sie weitermachen

NOAK
sie hat auch ihr Kleid schon an

WETTACH
elegant
oben offen
sehr gewagt

NOAK
und unendlich lang, Herr Direktor

WETTACH
und so schwarz wie ihr Frack

NOAK
damit sind sie unsichtbar, Herr Direktor

WETTACH
wieder ein Vorteil für sie, Herr Direktor

NOAK
ziehen sie ihn an den Frack
hängt Wettachs Rock um die Stuhllehne

WETTACH
und

NOAK
sitzt wie angegossen
beiseite, zu Wettach

WETTACH laut
wir finden
daß er passt

NOAK überlaut
er steht ihnen ausgezeichnet, Herr Direktor

WETTACH
überlaut
wie ein Denkmal, Herr Direktor
zu Noak
er ist völlig überwältigt

NOAK
wir ehren ihn zuviel

WETTACH laut
keine Tränen, Herr Direktor
zu Noak
er ist schon wieder nass

NOAK
Wettach, jetzt das Gedicht

WETTACH
hopp hopp macht der Reiter
über Hecken Palisaden
platsch fällt er in den Graben
und die Reitgerte schnalzt schon mal versehentlich in den Kanal

NOAK knallt mit der Peitsche
ein Hoch auf den Herrn Direktor

WETTACH
über Stöcke
über Steine
und mit Schwung hinauf die Leiter
und hinunter in die Lache

NOAK
und sie füllen ihn auch aus, Herr Direktor
reine Seide
aufgebrüht
und gebürstet
und entbastet

WETTACH
schöne Schaumblasen im Bad
am anderen Tag kein Warmwasser mehr
dafür zeigt ein Rahmen an

NOAK
welchem Held man danken kann
auf unsern Herr Direktor

WETTACH
Stimmung steigt
Zeiger zeigt
alle geben

NOAK
jeder kommt dran

WETTACH
alle verwenden sich

NOAK
alle erheben sich

NOAK, WETTACH
zusammen
alle kosten vom Salat

WETTACH
und vom Ufer grüßt ein Büschel frischer Blätter

NOAK
und das Gasthaus spendet Spinat

WETTACH
wolkenloser Himmel strahlt
Herzflattern verursacht immer das Umschiffen der Gefahr
aber die Klippen halten stand
allesamt

NOAK
Gott sei Dank

WETTACH
und zum Abschluss noch das Wetter
das sich zwar verheddert hat
aber langsam nach und nach
sich von selber wieder spannt
wie ein langes buntes Band
wiegt es rührend unser Land

NOAK, WETTACH
zusammen
wer fühlt sich nicht aufgehoben
unter einem Regenbogen
und vor allem
wenn der Sonntag lang ist
und der Regen noch in Gang ist

NOAK
aber bitte, Herr Direktor
heute sind sie unser Gast
wir haben schon bezahlt
heftiger Regen, tumultartige Beifallsgeräusche
ein paar Takte muntere Tanzmusik

(...)

Copyright © Stefan Zeiler

Zweiter Akt

Textauszug Bild 12, 13, 14

 2. AKT

Bild 12

Szene wie vor der Pause.
Wettach wirft ein Tuch über den zusammengekauerten Noak,
nimmt die Peitsche, klettert die Sprossen am Zeltmast hinauf
und knallt mit der Peitsche fünfmal. Sofort Anschwellen des
Regengeräuschs, man meint Applaus zu hören.


WETTACH als Sprechstallmeister
nein
ich schließe noch nicht meinen Mund, Herr Direktor
noch schneidet der Regen die Luft
noch schwimmt das Feld
noch siebt der Himmel das Sprechwasser
und wirft eine schwarze Wolle ans Fenster
Lachzucker
Lachzucker
die Wolke spricht
eine allen geläufige Spucke rinnt ins Genick
Sprechsilber
Sprechauftrag, Herr Direktor
nur das Interesse noch auf Messers Schneide
nicht auf Anhieb schmilzt das Eis
nicht auf Bestellung läuten die Glocken
nicht mit dem Stock hortet der Antipodist Sympathie
darum Knallen lassen jetzt bitte mit den Handballen die Luft
Schminke stinkt
die Peitsche aber öffnet das Fenster
knallt zweimal mit der Peitsche
Regengeräusch lauter

eine unscharfe Aussicht verstellt den Verstand
in den Dreck fährt der Karren das geschleckte Land
durch einen Firmamentschaden rinnt ein überschüssiges Wasser in die Welt
durchrütteln durchschütteln muss man die engen strengen Kleider
ein Aufwaschen ist das
was für ein Aufwand
vielleicht ein Anlass ja für einen besseren Geschmack
bestimmt ein herzergreifender Moment jetzt
ja, ein Fest stülpt sich über das Gelände
aber es ziehen nicht alle mit
wieso denn
auch ein nasser Strumpf macht einen Fasching
auch ein leise überlaufender Misthaufen komponiert den Narren noch einen Gesang
lustig tanzen Moleküle aus der Gülle Hand in Hand
hoch hinauf in den Himmel
müssen nicht mehr in den Nasen stinken
das Geseich trinkt der Himmel
haben sie nicht auch schon eine volle Blase, Herr Direktor
sind sie überhaupt noch da
hören sie
ich finde
dieser Mantel passt ihnen wie angegossen
ist wieder heruntergeklettert, über Noak gebeugt
hat es ihnen die Sprache verschlagen
zieht das Tuch über Noak weg

NOAK hebt müde den Kopf
bitte schlagen sie mich nicht
Wettach knallt mit der Peitsche, Noak erhebt sich mühsam
Regen stärker, man meint Applaus zu hören

WETTACH während er einen Kasten der Manegeeinfassung platziert
unser Herr Noak fürchtet nämlich immer gleich das Schlimmste
er rettet sich in Worte
die versuchen das Vorübergehende haltbar an die Wand hinzumalen
das geht doch nie gut
und er übt viel an der Unterlassung
denn es schickt sich nicht für einen Tierlehrer
in der Runde seiner Schüler das Gesicht zu verlieren
es steht ihm ein Hieb oder das ganze Gewicht eines Tigers
auch nicht besser zu Gesicht
als die Musik einem ungeübten Spieler
zieht die Geige hervor und spielt darauf grässliche Töne

Pausenmusik.
Noak und Wettach laufen im Kreis, stoßen heftig gegeneinander, fallen
um, stehen auf und betasten sich nach etwaigen Verletzungen.


Bild 13

NOAK hat sich wieder erhoben, klopft die Ärmel, die Hose ab
ich bitte um Ruhe
beruhigen sie sich, meine Damen und Herren
was haben sie denn
mein Kopf sitzt fest auf meinem Hals
was wollen sie mehr, meine Damen und Herren
Kopf
Hals
Rumpf
aufeinander
übereinander
in der Reihenfolge
wie es gehört
platziert einen Kasten

WETTACH
ich wette
sie bringen mich nicht vom Fleck
aber nicht an den Haaren ziehen

NOAK
nichts, meine Damen und Herren
was nicht geht
nichts
was ein klarer Kopf nicht bewegt
nichts
was der Herr Sprechstallmeister nicht vermisst mit seinem scharfen Blick
nichts Wirres
das er nicht zurechtrückt

WETTACH
aber so ein Satz von ihnen, Herr Direktor
immer auch ein Gewinn
jedes Wort an seinem Platz
und das Ganze überspannt ein Sinn
wenn ich sie recht verstehe

NOAK als Sprechstallmeister, knallt mit der Peitsche
Enthaltung
Selbstbeschneidung
sonst gelingt die Übung nicht
was quillt aus den Einkaufstaschen
Marzipan Mohair und Lack
jeder sucht das Schöne und das Feine
innen aber sind wir nackt
unhörbare Wellen tasten sich durch unsre Venen
lecken uns von innen ab
doch wir werden uns daran gewöhnen

WETTACH schüttelt ironisch den Kopf
wie verlässt sich der Herr Sprechstallmeister nur immer auf den
rechtzeitigen Einfall
nie trifft er vorbei
immer schneidet er hinein in das Innere vom Ei
ohne daß er sich bekleckert
seine Worte werfen sich auf unser Interesse so verlässlich
dass wir unter ihrer Wärme wie
die Krokusse gedeihen

NOAK grob, Wettach macht unwillig mit
nicht schütteln
nicken
nicken
den Kopf runterdrücken
nicht die Kinnlade allein
ganzer Schädel
und sich bücken
bücken sag ich
was heißt bücken
Rückgrat knicken
Wirbel biegen
Nasenspitze auf und nieder
auf und nieder
und zurück
und nicht so gerade bitte der Blick
was sagt der in jede Magenfüllung einwilligende Appetit

WETTACH eingeschüchtert
ääh
der Herr Sprechstallmeister ist ein wichtiger Mann
der Herr Sprechstallmeister weiß
was er spricht
er befiehlt den Wolken
und dann wird der Platz vor dem Zelt eine Moorgrube sein
oder ein Brunnen
oder ein brennend heißer Sand
jeder Satz aus seinem Mund ist ein urzeitliches Gesetz
und jedes Wort ein spitzer Stein ins Auge der riesigen Natur
seine Zähne reinigen uns
seine Zunge findet unsere Begeisterung
und die Kordel ist ein noch nicht aufgeflochtener Gedanke an seiner Brust
streckt die Zunge heraus, schielt auf die Belohnung in Noaks Hand
aber noch schneiden die Sätze nicht
teilen nicht mit in der nötigen Schärfe
die der Herr Sprechstallmeister beherrscht
streckt die Zunge heraus, Noak steckt ihm die Belohnung in den Mund
memoriert
Messer bricht in tausend Stücke
Wasser sägt an einer Brücke

NOAK
ach was
ein Gedicht, Wettach
wollen sie sich in die Nesseln setzen
wo ihr Kopf schon ganz zerstochen ist
ihre Ohren

WETTACH plötzlich wie von Wespen verfolgt
ich sage nichts
ich bin nicht hier
ich sage nicht
ich kenne mich
ich sage auch nicht
wo ist das Fräulein mit dem Eis
aber warum bin ich dann hier

NOAK
genau genommen gibt es sie, Wettach
nur auf dem Papier

WETTACH
trotzdem stehe ich
wie ich sehe
in dieser Beleuchtung als Leuchtfeuer da
und das herumschwirrende Geflügel erkennt in mir einen Anhaltspunkt
den es zum Maßnehmen nur anstechen muss wie ein Fass Bier
rennt wie gestochen durch die Manege

NOAK indem er Wettach dirigiert
Arbeit
oder soll ich sagen
angeborenes Verhalten
Richtlinien jedenfalls
und den Blick fest im Visier

WETTACH
aber Herr Noak
das wissen wir
der Löwe lehnt seinen Kopf
wenn er keinen Nachteil wittert
auch an ein Gitter
er küsst auch einen Eisenstab
er legt sich zu Füßen einer Maßnahme und schluckt sie
selbst wenn sie ihm nicht auf Anhieb behagt
schon außer Atem
und er zerbeißt ihren Kopf nicht unbedingt, Herr Noak
wenn seine Kiefer es nicht von ihm verlangen
bleibt kurz stehen, atmet heftig durch den weit aufgerissenen Mund

NOAK knallt mit der Peitsche
nicht Nachgeben
jede Schwäche sich versagen
frühzeitiges Abwehren der Gefahren
feines Abstimmen der Stimme mit den jeweiligen Stimmungslagen

WETTACH läuft im Kreis, Noaks Peitsche ausweichend
Herr Dompteur
eine Frage
welche Art von Interesse haben sie an mir

NOAK
ruhiges sicheres Erscheinen
kein ruckartiges sich Aufbäumen
kein sich plötzliches Bücken nach Stöcken
nach herausfallenden Stuhlbeinen
ein paar Gewohnheiten über Jahre
und genaue Arbeitszeiten
damit sich die Tiere nicht zuviel untereinander beraten
knallt mit der Peitsche

WETTACH bleibt keuchend stehen
Vorsicht
ich bin aus Papier

NOAK
schön sich bücken
bis zum Boden
tiefer
tiefer
also
es geht doch

Wettach stolpert nach vorn in eine tiefe Verbeugung, sein Rock fällt über seinen Kopf.
Tusch, Beifallsgeräusche.
Der Hund hebt den Kopf, klopft mit dem Schwanz, bleibt jedoch liegen.


Bild 14

NOAK
knallt mit der Peitsche, als Sprechstallmeister
meine Damen und Herren
der Knochenbau
die feste Masse
das Erstarrte
das Steinharte
die Unterfütterung des ausweichenden nachgebenden Grunds
die Stütze unserer Gewässer
Unterbau von Wald und Flur
das Fundament
die Platte also
auf der alles steht
sie bröckelt wackelt
schwankt
ist schon fast nicht mehr da
gibt Wettach einen Schubs
die Haltung Wettachs bekommt Schlagseite


harte Unterlagen weichen
Ufer ziehen sich zurück
da heißt es näher zusammenrücken
eine Brücke schlagen in den Alltag wieder sozusagen
Cinzia muß ihr Trikot flicken
statt Pailletten näht sie Karpfenschuppen an die Ärmel
auf den Rücken
und sie rutscht auf allen Vieren
tastet ihren Wagen ab nach den Scheren Nadeln Kreiden
die jetzt stochern schneiden feilen in den Fellen unterkühlter Füchse
Dachse Hermeline Wiesel
die sich unter ihrem Bett frierend aneinanderdrücken
Hunde sind auch dabei
Katzen
Mäuse
ja das Gleichgewicht des Wagens ist so auf der Kippe
kleinere Tiere huschen ins Zelt

kneift die Augen zusammen
und treiben im Wasser da nicht die Treiber
ohne Stöcke ohne Rum in den Taschen
jammern
weil sie statt der Flaschen Wasser in den Taschen haben
ansaufen werden sich die Kleider
manche trinken gar Benzin
können von Schweiß es nicht unterscheiden
und Blut ein bisschen ist auch dabei
und ein Socken rutscht vom Fuß
eine Hose teilt sich leise
und ein Hemd hüpft im Kreis
die Fasson verliert es leider
grauenhaft bläht es sich auf
platzt in einem Drahtverhau
Wettach richtet sich mühsam auf
größere Tiere warten auf Einlass


schlägt Wettach grob auf den Rücken
was ist, Wettach
kümmern sie sich

zu den Tieren in den Sitzreihen
meine Herrschaften
machen sie Platz

packt Wettach am Genick
Platz für die Gehetzten
die Verschwitzten
machen sie Platz, meine Damen und Herren
für die um Atem Ringenden
erheben sie sich
lassen sie die ans Ufer sich Schleppenden an ihren knirschenden
Zähnen vorbei
bittet die wartenden Tiere in die Sitzreihen
einige der schon anwesenden knirschen mit den Zähnen


was kümmert uns ein Artist
der vor einem voll besetzten Zelt zittert wie ein Wilderer vor einem
Gericht
es wird sich der Hirsch im Wald schon nicht verirren
bläst uns nicht manchmal auch der Wind scharf ins Gesicht
warum sollte ein schönes Tal für sich behalten wollen all sein Wasser
oder die Luft den hin und her schallenden Gruß
das Kaninchen in der Grube sich wundern über den Schuss
diesen Sitzplatz, Wettach
einem unvorhergesehenen Gast
zu einem Hermelin
bitte sehr
zu Wettach
was ist, Wettach
fangen sie an

WETTACH
dem das Ganze zunehmend unangenehm wird
ich habe die Anweisung nicht verstanden

NOAK
zum Publikum
ja wollen sie uns nicht erschrecken, Wettach
lassen sie sich nicht so bitten
Wettach macht ein ratloses Gesicht
aber gut
wenn einer fernbleiben will
ein Schwitzen vorgaukelt bei sich zu Hause
in Kaninchenfell sich schmiegt
bevor er noch etwas spürt

packt Wettach brutal am Genick
auffressen lassen
sage ich, Josef
wie es die Kunst von uns verlangt

pathetisch
wir riskieren Kopf und Kragen
wir brechen uns die Knochen
während andere an ihren ausgelösten Fleischstücken nagen
Wettach schneidet probehalber eine fürchterliche Grimasse

begutachtet Wettachs Grimasse abschätzig, lässt ihn los
haben wir nun volles Haus
oder müssen wir uns einen Andrang ausmalen, Wettach
warum sind die Menschen so apathisch
eine innerliche Hitze
die ertragen sie fast nicht
brauchen es schattig
aber nicht nass
und dann ist es wieder zu grün im Gras
z u gemütlich
sehen sie
nach einer Stunde wetzen sie
schon wieder hin und her auf ihren Sitzen
die Geruhsamen verwildern
die Betulichen verrohen
sagen sie, Wettach
was machen sie da

WETTACH
ich suche das Antragsformular

NOAK
mit Nachdruck
wir fordern Mietminderung

an das Vorige anschließend
und furchtbarer noch als die immer Verhinderten
sind die auf das Kommen ganz Versessenen
die reserviert haben, Josef
wer sich auf seinen Sessel verlässt
hat uns schon den Rücken gekehrt
wer die Lehne benützt
wird abgelehnt
ein sich zurücklehnender Rücken bringt dem Zirkus kein Glück
in meine Anweisungen hineingleiten wie in einen Pelz, Josef

Wettach öffnet seinen Rock, sucht in seiner Innentasche, ein Papier
entfaltet sich, schwebt in die Höhe und verschwindet.
Beide schauen ihm mit großen Augen nach.
Sphärische Klänge, dann Tusch.



Copyright © Stefan Zeiler


Nachspiel

Text Nachspiel

NACHSPIEL

Der Fabrikdirektor mit seiner Gattin und der Schuldirektor mit seiner Gattin schauen herein,
schütteln ihre Schirme aus und setzen sich in eine der vorderen Reihen.
Den Tieren schenken sie keine Beachtung, während diese sie von ihren Plätzen aus neugierig

und verstohlen betrachten.
Immer mehr Tiere kommen ins Zelt, darunter ein Tiger und ein Löwe, bis die Sitzreihen alle

gefüllt sind.

FABRIKDIREKTOR
bitte
es hat aufgehört

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
nicht einmal ein Lüftlein weht
und vergreift sich an den Bäumen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
die dastehen wie eine beim Abladen fallengelassene Gärtnereiware

SCHULDIREKTOR
und überall liegt Obst im Gras

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
ja
als hätten die Bauern geschlafen

SCHULDIREKTOR
oder die Jahreszeit einen Fehler gemacht

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
ich sage, kein Tag vergeht
an dem sich das müde Leben nicht auf die andere Seite dreht
ohne davon aufzuwachen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS über ein Brett balancierend, zu ihrem Mann
deshalb halte ich mich an
weil es da hinunter geht

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
Meeresboden Tiefseeschlamm

GATTIN DES SCHULDIREKTORS zu ihrem Mann, der sie stützt
Schatz, wenn du mich hin- und herbewegst
wird mir schwindlig

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
eine fluidale Masse
manchmal Kilometer tief
die sich fortwährend bewegt
Globigerinenschlamm
etwas Radiolarienschlamm
auch Pteropodenschlamm
Diatomeenschlamm, nicht zu vergessen
biogenes Sediment

FABRIKDIREKTOR
nicht sehr anheimelnd
der Ort

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
unnahbar
wie verhangen
ein Gefühl wie unter Wasser

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
daß es ausgerechnet über unsern Köpfen sich platziert

SCHULDIREKTOR
planetare Anomalie

FABRIKDIREKTOR
wie sie stinken
diese Silos

GATTIN DES SCHULDIREKTORS zu ihrem Gatten
wann war es das letzte Mal
daß wir Kunststücke gesehen haben

FABRIKDIREKTOR
wir sollten Balducci hochleben lassen

LAUTSPRECHER eine hohe lustige Stimme
Punkte von oben sind
wenn sie bunt sind
Obst
Gekicher aus dem Lautsprecher

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
na bitte
es fängt an

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
und um das noch zu erwähnen
diese ungeheuren Fahrten
Kapumrundungen
Expeditionen
Kontinente neu erfunden
Ozeane umgeschoben

FABRIKDIREKTOR
einen echten Indianermantel hat der Alte ja besessen
hat ihn manchmal vorgeführt

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
Baldo könnte ihn verkaufen

FABRIKDIREKTOR
er ist hunderttausend wert
aber er gibt ihn nicht her
hat ihn irgendwo versteckt
hängt wohl doch an dem Stück

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
so ist er zu gar nichts nütze

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
ein Zirkus hat es schwer

FABRIKDIREKTOR
ja der Alte
der hatte Glück
hatte Brilloff noch unter Vertrag
Brilloff immer o h n e Mantel
rieb sich ab mit Schnee im Winter
schon als Kind ein Doppelkinn
und was für eine Kindheit
Omsk Tomsk Krasnojarsk Riga Minsk Petrograd
Mandschurei so nebenbei
Vater Zarenoffizier
Mutter Kunstreiterin
er hat dem Alten den Mantel vermacht
nur dem Jungen steht er nicht
Hühnerfedern auf Alpaka

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
nicht gerade mein Geschmack

FABRIKDIREKTOR
hinter den Kulissen hättet ihr ihn sehen sollen
seine Muskeln
wenn er sie im Dunkeln spannte
nicht wahr, Julia

SCHULDIREKTOR
wo bleibt der Jubilar

FABRIKDIREKTOR
Gewehrkugeln mit den Zähnen gefangen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS studiert einen Programmzettel
he, hört mal
was da steht
wir bekommen laut Programm etwas Anständiges zu sehen
eine nie gezeigte Nummer

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
werden, frage ich
unsere Vorhaben auch in die richtigen Hände geraten
und heranreifen zu welchen Taten

FABRIKDIREKTOR amüsiert zu seiner Gattin
er denkt kompliziert
nicht geradlinig wie ich

LAUTSPRECHER eine hohe lustige Stimme
Punkte sind
wenn sie bunt sind
Obst

SCHULDIREKTOR
herabfallen auf welchen Boden
das was an den Bäumen hängt

FABRIKDIREKTOR
ernten wir
oder nicht
streckt zufrieden seine Schuhe vor

SCHULDIREKTOR
haben uns viel vorgenommen

FABRIKDIREKTOR indem er seine Schuhe betrachtet
so wie die Natur doch auch

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS zum Schuldirektor, ungläubig
du meinst
was an den Bäumen hängt
könnte sich einmal gegen uns kehren

FABRIKDIREKTOR schüttelt vergnügt seine Gattin
Hochkultur vor dem Fall

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS zu ihrem Gatten
schüttel mich nicht so
ich bin empfindlich
Fabrikdirektor lässt sie los

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
hört ihr
wie es tickt knarrt
wie in einem Uhrturm hier
kurz vor dem Stundenschlag

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
Nordpol leicht verschoben

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
Welt, die ihre Kräfte sammelt
bevor sie sich um ein Stück weiterdreht

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
Erde eine Zentrifuge

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
dieses Warten ist schon lästig

FABRIKDIREKTOR
Spannung vor dem Paukenschlag

SCHULDIREKTOR
nämlich eine Ausdehnung von dieser Art
der Materie so hinterher
sozusagen dicht auf den Fersen

FABRIKDIREKTOR
ein Rennen ohnegleichen
streckt einen Fuß in die Höhe
großer Schritt

SCHULDIREKTOR
meinen wir

FABRIKDIREKTOR etwas ungehalten
sollte die Natur uns etwas vorenthalten wollen
muss sie es nur deutlich sagen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
müsst ihr euch denn immer streiten

SCHULDIREKTOR abwiegelnd
Meinungsverschiedenheiten

GATTIN DES SCHULDIREKTOR
jetzt
so fern der schwierigen Zeit

FABRIKDIREKTOR
die uns all die Möglichkeiten nicht einmal hat ahnen lassen
aber wir finden noch unseren Ort
wir kommen noch zu unserer Größe
die uns nicht so flach aussehen lassen wird
wie die ersten unbeholfenen Versuche
klopft sich seine Hose ab, seine Gattin hilft

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
dieses Wasser spiegelt nicht

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
und die Post liefert nicht mehr

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
heißt es nicht
das Schwarze Meer

LAUTSPRECHER eine tiefe lustige Stimme
zum Durchqueren einer Wüste
braucht man heutzutage einen Transportkoffer
Gelächter aus dem Lautsprecher

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
hört ihr nicht
wie es rauscht
wie ein unscharf eingestellter Sender

FABRIKDIREKTOR
wir waren noch nie so weit

SCHULDIREKTOR
alles hängt an einem Faden

FABRIKDIREKTOR
roter Teppich in Alma-Ata
und in Madrid durch die Innenstadt
Brilloff hatte es weit gebracht
er war für die Welt ein Glück

SCHULDIREKTOR
wir haben
was dieses Überwinden von Hindernissen
Korrigieren von Unebenheiten betrifft
noch zu lernen

FABRIKDIREKTOR
und wir lernen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS beipflichtend
weil wir üben

FABRIKDIREKTOR
weil doch die Natur uns immer als Vorbild vor Augen stand
das zu erreichen
zu übertreffen
unser Ziel doch war und ist
bis heute

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
und Vergnügen

FABRIKDIREKTOR
und Vergnügen
betrachtet vergnügt seine Schuhe

GATTIN DES SCHULDIREKTOR zu ihrem Gatten
nie vergess´ ich das Erlebnis
als der riesenhafte See die Sonne uns in die Pupillen warf
und wir uns fragten
wie es kommt
daß es so einfach in uns dringt
das Licht
wie in ein Schlupfloch sich verkriecht
und sich ausbreitet in uns
als wäre es da schon immer zuhause gewesen
als wären unsere Augen sein Haus
betretenes Schweigen

wie die Bienen nach der Blumen suchen
und die Blumen darum
weil sie von der Bienen wissen
daß die Bienen auch von ihnen wissen
daß es sie gibt
ist doch verrückt
Blüten machen nur wegen ihnen
denkt doch mal
da sind
nur wegen der Bienen
und die Bienen
nur wegen der Blüten
Fabrikdirektor und seine Gattin lächeln verlegen

FABRIKDIREKTOR zu seiner Gattin
na, bis jetzt tut sich nichts

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
einen Urlaub bräuchten wir

GATTIN DES SCHULDIREKTORS mit geschlossenen Augen
dann legten wir die Kleider ab
ließen uns vom Licht betasten

zu ihrem Gatten, zärtlich
und du machtest mir
Sonnenfinsternisse
mit dem Finger
mit dem Fuß
mit dem Kopf
bis ich fror

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
nicht daß wir uns hier verkühlen
sieht ihren Gatten vielsagend an

SCHULDIREKTOR leise zu seiner Gattin
langweilig finden sie´ s

FABRIKDIREKTOR bemüht sich
innen außen
außen innen

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
irgendwas zittert in mir

SCHULDIREKTOR wärmt seine Gattin
meine Frau meint nämlich
die Natur will sich mit uns vereinen

FABRIKDIREKTOR
stimmt
sie tut sich um in uns
als wäre sie da schon immer zuhause gewesen
zieht sich ein Schilfrohr aus dem Ärmel
alle lachen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
nistet sich ein in unseren Räumen
stülpt die Manschetten ihres Mantels um, Blätter fallen heraus
alle lachen

FABRIKDIREKTOR
wir haben unser Haus freilich in Hinblick schon auf unsere Bedürfnisse errichtet
nicht wahr, Julia

GATTIN DES FABRIKDIREKTOR zustimmend
vor allem sind wir unser eigener Gast

FABRIKDIREKTOR
wir wollen unser Wohlergehen doch nicht versäumen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS
ja, wir wohnen auch noch da
und will die Natur in uns eine Übernachtungsmöglichkeit haben
dann wird sie das etwas kosten
wie soll man sonst ein Gasthaus erhalten
wenn man immer nur Auslagen hat
alle lachen

LAUTSPRECHER eine hohe lustige Stimme
kleine Punkte von oben sind
wenn sie rot sind
Obst
Gelächter aus dem Lautsprecher

FABRIKDIREKTOR
dieser Ort bietet nichts
was man einem Stimmungstief entgegenhalten könnte

LAUTSPRECHER eine tiefe lustige Stimme
um eine Wüste zu durchqueren
braucht man heute einen Transportkoffer
Gelächter aus dem Lautsprecher, auch die Stimme lacht gekünstelt, dann Rauschen

SCHULDIREKTOR zum Fabrikdirektor
von jedem Akrobat könnte man
wenn man wollte
eine kompromittierende Aufnahme machen

FABRIKDIREKTOR wendet sich gelangweilt ab
na
ein Reinfall scheint das hier zu sein

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS irgendetwas stimmt mit ihrer Uhr nicht
wie spät ist es eigentlich

Fabrikdirektor schaut auf die Uhr, horcht an ihr, vergleicht seine Uhrzeit mit der des
Schuldirektors, dessen Uhr auch nicht geht.
Beide machen ein ratloses Gesicht.


LAUTSPRECHER Rauschen, dann eine freundliche weibliche Stimme
und gleich geht es weiter
gleich ist es wieder soweit
halten sie inzwischen
wenn sie möchten
etwas Kleingeld bereit
wenn sie eine Stärkung wünschen
unser Eismädchen geht durch die Reihen
kommt gleich bei ihnen vorbei
etwas Kühles
etwas Frisches
oder für die Tiere
die Artisten eine kleine Aufmerksamkeit
bitte danke danke sehr
und gleich geht es weiter
gleich ist es wieder soweit
halten sie inzwischen
wenn sie möchten
Rauschen
eine hohe lustige Stimme
Punkte von oben sind
wenn sie bunt sind
Obst
Gelächter aus dem Lautsprecher, dann Rauschen

FABRIKDIREKTOR
wo kommt Eis

GATTIN DES SCHULDIREKTORS
für mich keins

FABRIKDIREKTOR
sehe niemanden vorbeigehen

GATTIN DES FABRIKDIREKTORS winkt mit der Hand
Eis
Eis
bitte Eis

Stille.
Alle schauen ratlos um sich.
Die Gattin des Schuldirektors vergleicht ihre Uhrzeit mit der der Gattin des Fabrikdirektors,

beide schütteln ihre Köpfe und zucken mit den Schultern.
Alle Tiere betrachten zunehmend interessiert und mit geweiteten Augen die Besucher.

Der Tiger fixiert den Fabrikdirektor, der Löwe den Schuldirektor.
Beide setzen zum Sprung an.
Der Hund schlägt knurrend mit dem Schwanz auf die Bank.
Licht aus.



Copyright © Stefan Zeiler

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