AM TAG UND IN DER NACHT

Kinospielfilm, Länge ca. 100 Minuten
Genre: Drama
(Eingereicht zum Carl-Mayer-Drehbuchwettbewerb 2005/Graz, Thema: Verführung)
Copyright ??©Stefan Zeiler 2005

Synopsis

Georg, ein junger Mann ohne abgeschlossener Ausbildung, lernt Claudia Wagner kennen, eine vierzigjährige Psychoanalytikerin, die auch Experimentalfilme macht. Sie bietet ihm eine Arbeit als Hilfskraft bei ihrem Vater an, der Archivar und schwer krank ist. Als Georg seine Stelle als Kulissenschieber verliert, nimmt er diese Arbeit an und wird vom Vater verführt. Georg sucht Schutz bei Claudia, verliebt sich und wird von ihr verführt. Als der Druck des Vaters auf sie unerträglich wird, führt Claudia dem Vater eine Auswahl ihrer Filme vor, auch den “Liebesfilm” mit Georg, wo sie miteinander schlafen. Während Georg, dem sie Szene peinlich ist, nach Claudia sieht, die in der Küche die Suppe bereit macht, ringt der Vater um Luft und stirbt...

Beschreibung der Personen

DER VATER

Er heißt mit vollem Namen Joseph Zacharias Wagner und ist sechsundsiebzig. Er ist nicht groß, aber äußerst zäh, wenn er auch mittlerweile nur noch 56 Kilo wiegt. Da er Kettenraucher war, hat er jetzt Lungenkrebs. Dazu hat er Diabetes, chronische Bronchitis, Rheuma und ein sehr schwaches Herz. Er trägt einen grauen Bart. Er geht tagsüber im Pyjama und Hausmantel herum.
Er ist kein “homme de lettre”, kein Gelehrter, kein Professor, eher ein Freigeist und Anarchist. Er kommt aus der Mittelschicht. Sein Vater war Lehrer in Wien, überzeugter Kommunist und ist ´36 gegen Franco gefallen. Auch die Mutter stirbt früh, als er elf Jahre alt ist. Der Großvater nimmt sich seiner an, er kommt nach Frankreich ins Internat, aus dem er mit sechzehn ausbricht. Er entwendet Dokumente aus einem deutschen Gestapobüro (als Tapezierergehilfe) und flieht daraufhin nach England. Dort studiert er nach dem Krieg Zeitgeschichte und Publizistik.
Der Vater rühmt sich oft, dreißig Berufe gehabt zu haben. In der Tat hat er auf seinen abenteuerlichen Reisen durch Nordafrika und China alles mögliche erlebt, hat als Journalist gearbeitet, als Übersetzer, Lastwagenfahrer, Diplomat, Kameramann. Als er eine Ärztin aus bürgerlicher Familie heiratet, wird er einigermaßen seßhaft. Seine Frau bekommt ein Kind und gibt den Beruf auf. Nun arbeitet er als Theaterkritiker, Rezensent, Publizist, und legt ein Archiv an mit Schwerpunkt Zeitgeschichte, das in Wien und Österreich nicht seinesgleichen hat. Er hat in der Fachwelt einen Namen, kennt viele wichtige Leute und kann renitente Redakteure unter Druck setzen.
Er dominiert die Tochter, wie er alle dominiert. Gleichwohl liebt er sie. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich, als Claudia jung war, wie ein Liebespaar küßten. Er war ihr großes Vorbild und ihr Tor in die Welt. Dann kam die Ablösung, unter der der Vater litt, die er ihr auch nie verzieh. Er mißbilligte ihren Entschluß, Analytikerin zu werden, weil er nichts von Freud und Psychoanalyse hält. Gleichwohl lieh ihr das Geld, das ihr für die Ausbildung fehlte, und verlangte es nie zurück.

CLAUDIA WAGNER

Sie ist neununddreißig und sieht aus wie dreißig. Sie ist kindlich unbekümmert, doch sie kennt die Umgangsformen, an die sie sich auch hält. Sie studierte Medizin. Dann heiratete sie einen Koch, der sehr viel Geld verdiente und ging mit ihm nach Spanien. Doch für ihn war sie Staffage. Sie läßt sich von ihm scheiden und geht zurück nach Wien, macht die Analytikerausbildung und eröffnet eine Praxis, die sie nun seit drei Jahren hat. Das ist ihre eine Seite. Nebenbei macht sie Filme. Zur Matura schenkte ihr der Vater seine Filmkamera, mit der sie von nun an Menschen filmt, die sie kennt oder die sie einfach anspricht auf der Straße. Ihre Modelle bewegen sich nicht, oder eben doch ein bißchen. Auf dieses “Bißchen” kommt es ihr an. Sie filmt gerne Männer und wenn sie in Stimmung ist, zieht sie sich vor ihnen aus, und zwar während die Kamera läuft. Claudia mag Männer. Sie filmt aber auch sich selbst oder inszeniert Szenen, die sich auf ihre Arbeit beziehen. Sie geht in Nachtlokale oder zu Pferderennen, weil sie das Leben erforschen will. Sie lebt seit ihrer Scheidung allein, hat aber wechselnde Liebesbeziehungen. Sie wählt stets den Mann, der sich nicht an sie herandrängt, der sich eher im Hintergrund hält. Ob ihre Filme Kunst sind, das kümmert sie nicht wirklich. Manchmal wird sie eingeladen, ihre Filme vorzuführen. Da sie eine Praxis hat, zeigt sie die Filme in Österreich nicht. Eine ihrer größten Ängste ist die vor dem Älterwerden.

GEORG

Georg ist ein Einzelkind, dem nicht nur der Vater fehlte, sondern dessen Mutter auch selten für ihn Zeit hatte. Sie war OP-Schwester, hatte oft Nachtdienste und ein Verhältnis mit dem Primar der urologischen Station. Aus diesem Verhältnis ist Georg entstanden. Später hat sie der Vater geheiratet (nach dem Tod seiner ersten Frau), hat versucht nachzuholen, was er an Georg versäumte. Doch er fand zu ihm keinen Zugang. Georgs Mutter war überfordert in ihrer Rolle als Stiefmutter von zum Teil erwachsenen Kindern aus einer andern sozialen Schicht. Es war keine gute Ehe. Es gab häufig Streit. Die Eltern haben sich wieder getrennt. Georg ist seiner Wege gegangen, er hat sich eine Wohnung genommen, hat in der Oper Arbeit gefunden, mit der er sich finanzieren kann. Er hat dadurch Zeit verloren, daß er die Unterstützung vom Vater unüberlegt und im Zorn ausschlug und sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Er schreibt Tagebuch mit literarischem Anspruch. Er will die Matura nachholen (er hat sie nicht bestanden) und dann zu studieren beginnen. Er tendiert zur Antike und besucht Vorlesungen.
Georg ist vierundzwanzig. Wahrscheinlich könnte er, wenn er wollte, jede Frau für sich gewinnen, denn er hat einen Charme, der die Frauen stark anzieht. Doch er hält damit zurück. Er ist für Autoritäten anfällig, weil er von sich eine niedere Meinung hat. Er möchte sozial aufsteigen. Er wirkt traurig und intelligent und unter Leuten unsicher. Sein Charisma entfaltet sich erst, wenn er sich auf jemanden einläßt und dabei keine Zuschauer hat. Er spricht, wie Claudia, Hochdeutsch.

JAGO

Heißt eigentlich Jaromir und kommt aus Kroatien. Er ist Mitte vierzig. Er wird von den Kollegen nach dem Jago aus Othello liebevoll-spöttisch Jago genannt. Jago spricht schon fließend deutsch. Er hat kaum Ansprüche, führt ein sehr bescheidenes Leben. Seine Eltern waren Bauern. Er hat Schlosser gelernt.
Er fällt unter den Bühnenarbeitern auf als ein stiller, freundlicher Typ, der auch Streit schlichten kann. Er hat schon vor Ausbruch des Krieges in Wien Arbeit gefunden. Seine Frau wollte später nachziehen, hatte aber noch ihre alte, gehbehinderte Mutter zu pflegen. Außerdem wollte Jago erst für eine Wohnung sparen. Seine Frau kam während des Krieges auf schreckliche Weise ums Leben. Sie fiel einem Progrom zum Opfer. Der Fall wurde in Den Haag verhandelt, denn es gab eine Zeugin. Doch es folgte keine Verurteilung. Seine Heimat ist für Jago unbetretbarer Boden geworden.

MICHAEL

Michael ist mit Georg befreundet und genauso alt wie Georg. Er arbeitet auch als Bühnenarbeiter. Er studiert Archäologie und ist bald mit dem Studium fertig. Er kennt Georg noch nicht lange, weil er vorher beim Transport war, bevor er zur Technik kam. Sie sind sich nicht wirklich nahe. Michael ist einer, der in Listen und Registern, in Tabellen und Zahlen denkt. Er jobbt nebenbei, weil er alte Münzen kauft, vorzugsweise römische. Er hat eine kleine Sammlung und eine feste Freundin.

 

Beschreibung der Schauplätze

CLAUDIAS PRAXIS

Das Auffallendste ist die Helligkeit. Ein neutraler Ort, der nicht Claudias Handschrift trägt. Couch, Ledersessel, Teppich sind geschmackvolle, teure Stücke. Auf dem Parkett hallen die Schritte. Man sieht auf Himmel und Dächer. Die Wände sind fast leer.

CLAUDIAS WOHNUNG

Keine kleine Dreizimmerwohnung in der Josefstadt. Erbstücke von der Mutter geben ihr etwas Dunkles, Vornehmes. Filmspulen liegen herum. In einer Ecke Filmstreifen und eine Klebepresse. Das Schlafzimmer ist schmucklos. In der Mitte das sehr große Bett.

DIE WOHNUNG DES VATERS

Im achtzehnten Bezirk. Sie könnte größer sein, zumal für seine Zwecke. Jeder Winkel ist genützt. Es gibt keine freie Wand. Das Wohnzimmer ist Arbeitszimmer. Der Vater hat keinen PC, jedoch Fax und einen Kopierer, wo er Bücher kopieren kann.

GEORGS WOHNUNG

Sie liegt Nähe Brunnenmarkt im siebzehnten Bezirk. Hier ist fast nichts gekauft. Ein großer weißer Schrank ist immerhin von Josef Hoffmann. Den hat Georg vom Vater. Sonst gibt es nur Sperrmüllmöbel. Nackte Glühbirnen genügen. Das Klo ist am Gang. Der Ausblick ziemlich trist: eine graue Hausfassade, die den ganzen Himmel verstellt. Man kann in die Wohnungen sehen. Nachts scheint der Mond herein. Telefon gibt es keins.

DER WIENERWALD

Eine in ihrer Langweiligkeit irgendwie verwunschene Landschaft, besonders wenn Nebel liegt.

DIE OPER

Während der Vorstellung hinter der Bühne schöne Licht- und Raumeffekte. In der dunklen Seitenbühne brennt dann nur das Notlicht. Der extreme soziale Kontrast von Technikmannschaft und teuren Sängern steigert noch die Künstlichkeit des Ortes uns des Geschehens.

DAS GRAB (aus dem Buch von Georg und aus Georg Phantasie)

Das sogenannte Schatzhaus des Atreus. Größter erhaltener Kuppelbau der Antike vor dem Pantheon in Rom. Grab mykenischer Fürsten. Die goldene Maske, die Georg sich vorstellt als Maske des toten Fürsten, ist die sogenannte Maske des Agamemnon, die in Mykene gefunden wurde und als Totenmaske diente. Sie erinnert entfernt an das Gesicht des Vaters, und dann vor allem des toten Vaters.

WIEN

Wien tritt vor allem in seiner Eigenschaft als historisch gewachsene Metropole in Erscheinung, mit all den sozialen, architektonischen, stadtlandschaftlichen Kontrasten einer europäischen Großstadt. Ein spezielles Lokalkolorit, etwa bekannte Gebäudekulissen, typisch wienerische Ausdrücke oder gar Verhaltensweisen sind nicht intendiert. Nur die enge und komplizierte Beziehung zwischen Vater und Tochter hat vielleicht etwas “Wienerisches“. Die engen, hohen, schwarzen Stäbe der Hofgartenumzäunung und die Gründerzeitfassanden haben in der Abenddunkelheit der Stadt etwas gemeinsam...


Drei Auszüge aus der ausgeschriebenen Filmgeschichte:

Am Tag und in der Nacht

ORT DER HANDLUNG: WIEN

Einleitung

Abendvorstellung in der Staatsoper. Gespielt wird King Arthur von Purcell. Blick auf die Bühne aus den seitlichen Kulissen. Zwei Statistinnen, welche die Sirenen, die Arthur zur Liebe verführen sollen, darstellen, winden sich unbeholfen lasziv. Ihre nackten Oberkörper sind bläulich schillernd bemalt. Die Partien der Sirenen werden gesungen von zwei Sängerinnen, die hinter der Kulisse stehen, für das Publikum nicht sichtbar. Osmono, der Zauberer, mit goldbemaltem Gesicht. Die Bühnenarbeiter schauen gierig von der Seite der Bühne zu den Komparsinnen, machen Witze. Hinter dem Rücken einer Inspizienzassistentin sagt ein Grober, die sei auch dabei gewesen, jetzt trage sie Seidenblusen, damals hätte sie weniger angehabt.
Wenn gesungen wird und das Orchester spielt, kann man sich auch unterhalten, ohne daß es die Zuschauer stört. Sonst kennt der Inspizient keinen Spaß, wenn zu laut geredet wird.
Die Sängerin, die die Venus singt, hält sich in der Kulisse auf, wartet auf den nächsten Auftritt. Der Grobe meint zu einem Häßlichen, wenn sich die auf einen drauflege, da hätte man nichts zu lachen. Der Häßliche meint, die schaffe er schon, er wüßte schon, was er mit der mache, da fiele ihm schon was ein.
Die Sängerin konzentriert sich, ihr Gesicht ist stark geschminkt. Sie wirkt völlig unnahbar. Und doch ist man sich nicht sicher, ob sie es auch wirklich ist.

Nach dem Vorhang und den Verbeugungen geht für die Mannschaft die Arbeit los. Die Bühne wird abgebaut, Möbel und Requisiten verstaut. Der Grobe ist jetzt richtig betrunken, läßt den Prospekt fallen, schwingt mit einer Eisenstange. Georg ist zum Abbau des Proszeniums eingeteilt. Der Turm ist sechs Meter hoch und wird senkrecht hinausgetragen. Der Grobe ist sein Partner. Hinten hält Michael. Georg kann die Last nicht mehr halten, weil der Grobe ihn alles tragen läßt und das Gleichgewicht nicht hält. Georg schreit. Der Turm fällt um. Der Grobe brüllt ihn an. Der Bühnenmeister fragt, was los sei. Der Seitenmeister kommt. Der Grobe zeigt auf Georg, wendet sich dann fluchend ab. Der Bühnenmeister wechselt ein paar Worte mit dem Seitenmeister, dann klatscht er in die Hände, sagt, weiter, meine Herren. Der Turm wird aufgerichtet. Der Grobe ist nicht mehr dabei. Jago übernimmt seinen Part. Er ist ein stiller Typ, Mitte vierzig, ein Kroate, der immer abseits der anderen sitzt, gut mit allen Kollegen auskommt, nie ein unfreundliches Wort sagt. Es heißt, er habe seine Frau in den Wirren des Krieges verloren. Er will nicht darüber sprechen.

Nach der Arbeit gehen der Grobe, der Häßliche und Jago in ein Lokal, das bis in die Nacht offen hat. Auch Georg und Michael gehen mit, bilden jedoch eine eigene Gruppe. Am Tresen sitzt eine Frau ohne Begleitung und trinkt Wein. Sie trägt ein eng anliegendes Top, das ihre spektakuläre Figur auffallend vom Hintergrund abhebt. Die drei setzen sich an einen Tisch, von dem aus sie die Frau sehen können und bestellen jeder ein Bier. Der Dicke ist mürrisch, redet nicht viel, stößt mit den anderen unwillig an. Er hat die Frau an der Bar im Visier, setzt sich mit seinem Bier neben sie. Die beiden andern beobachten ihn. Sie können auf die Entfernung nicht hören, was er zu der Frau sagt, es sieht nicht sehr galant aus, er scheint ziemlich anzugeben. Nach einiger Zeit verläßt er mit ihr - sie geht hinter ihm - das Lokal, noch vor den anderen, ohne Verabschiedung. Er schwankt beim Hinausgehen. Jago sagt, die sei Klasse, aber bestimmt eine Professionelle. Der Häßliche meint, die sei für ihn entschieden eine Nummer zu groß. Bei der müsse man schon was bringen, nicht nur große Töne spucken, der werde sich noch wundern.
Dann meint er, da wär´ noch eine. Er zeigt mit dem Finger auf eine Frau, die an der Bar sitzt und sich mit einem Mann unterhält. Sie sitzt mit dem Rücken zu ihnen. Jago meint, er trete zurück, er würde sie freiwillig ihm überlassen. Dafür bekomme er aber ein Bier. Der Häßliche lacht, er spinne wohl, das Bier müsse er sich schon selber bezahlen. Er lästert noch über den Groben, der hätte es nötig, als junger Vater, dann trinkt er aus, verabschiedet sich von Jago, den er nicht ausstehen kann.

Die Frau am Tresen ist Claudia. Sie trägt etwas Dunkles, Weiches, dazu einen dunklen Schal, sodaß von ihr nur manchmal ihr helles Profil zu erkennen ist. Sie ist hier mit einem Mann, der sie ins Konzert eingeladen hat. Er ist etwa Mitte vierzig, attraktiv, aber eitel. Jago betrachtet die beiden. Er versteht nicht, was sie reden, dazu sitzt er zu weit weg.
Claudia erzählt von sich. Der Eitle lächelt ironisch. Dann verzieht er sarkastisch den Mund. Als er schließlich offen lacht, wirkt es grob unanständig. Claudia zuckt mit den Schultern. Dann nimmt sie die Handtasche und verschwindet auf die Toilette. Sie kommt an dem Tisch vorbei, an dem Georg und Michael sitzen. Sie sind grade am Bezahlen. Claudia schaut Georg an. Georg schaut Claudia an, nimmt sie aber nicht wirklich wahr. Georg und Michael schauen im Gehen noch beim stillen Jago vorbei, der allein an seinem Tisch sitzt. Michael scherzt mit ihm, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Währenddessen zahlt der Eitle und bestellt noch zwei Cognacs.

Jago setzt sich an die Bar und bestellt noch einen Grappa, dann geht er auf die Toilette. Der Eitle sitzt jetzt allein an der Bar. Claudia läßt ihn warten. Der Eitle wird nervös.

Claudia kommt zurück. Sie trinkt den Cognac nicht mehr. Sie zieht sich den Mantel an und verabschiedet sich schnell. Der Eitle schaut verdutzt.

Als Jago die Treppe zurück ins Lokal geht, sieht er einen Damenschal mitten auf den Stufen liegen. Er sieht, es ist Claudias Schal. Er hebt ihn auf und legt ihn zusammen. Er geht zurück ins Lokal. Er sieht, wie die Tür des Windfangs hinter Claudia zufällt. Er zieht sich den Mantel an, zahlt und geht Claudia nach. Er sieht sie auf der Straße um eine Ecke biegen. Er beschleunigt seinen Schritt.
...

In der Arena

Eine Boxarena. Der Kampf des Abends läuft. Mittelgewicht, letzte Runde. Blitzlichter aus dem Publikum. Schweiß läuft von den Körpern der Boxer. Beide sind schon abgekämpft, einem hängt ein Arm herab, als könne er ihn nicht mehr bewegen. Aber auch die Schläge des anderen finden nur noch selten ihr Ziel. Der Unterlegene sinkt in die Knie, will sich halten, doch er kann nicht. Er schaut dumpf vor sich hin, wirkt wie aus dem Schlaf gerissen. In der Vorhalle dunkle Gestalten, Geldscheine werden gezählt. Im Hintergrund Geschrei. Der Verlierer wird ausgezählt. Er richtet sich wieder auf und wankt in seine Ecke, wird erfrischt mit Eisbeuteln. Claudia im Publikum. Der Verlierer hat sich erholt und geht zurück in den Ring. Der Sieger läßt sich die Handschuhe ausziehen. Der Ringrichter ihn und den Verlierer am Handgelenk. Wartet das Ergebnis ab. Reißt er den Arm des Sieger hoch. Tosender Applaus und Jubel, der jedoch sehr schnell verebbt.
Neben Claudia ein Mann, der sie von der Seite betrachtet. Er ist etwa fünfzig. Er spricht sie beiläufig an. Claudia nickt, schaut geradeaus, antwortet irgendetwas. Beim Verlassen der Arena fragt der Mann Claudia, ob sie noch was trinken wolle. Er könne sie auch nach Hause fahren, es rege ja in Strömen. Claudia sagt, das sei nett, aber sie sei mit dem Auto da und wolle gleich nach Hause, sie sei wirklich müde. Sie verabschiede sich schnell, um nicht ganz naß zu werden. Sie läuft durch den Regen zum Auto. Sie läßt das Auto an. Der Mann kommt ihr nachgelaufen und klopft an das Autofenster. Sie läßt es halb herunter. Er hat sich die Jacke bis über den Kopf gezogen. Er redet sehr laut. Mittwoch sei er wieder da. Mittwoch in einer Woche. Er streckt ihr mit nassen Händen einen Zettel durch das Fenster. Da könne sie ihn erreichen. Sie bedankt sich, nimmt die Karte und fährt das Fenster hoch.
Claudia fährt durch die Menge, die sich auf den Heimweg macht. Nicht alle haben Schirme. Vor ihr löst sich ein großer Mann aus einer Gruppe von kräftigen Männern und geht im Regen neben ihr her. Er trägt keine Kopfbedeckung. Seine Haare sind sehr kurz. Er schlägt seinen Kragen hoch. Er ist etwa Anfang dreißig. Sie fährt langsam neben ihm her, fragt ihn aus dem Autofenster, ob er mit zum Bus wolle. Sein Gesicht wird angestrahlt von einem reversierenden Auto. Sie fragt: Parléz-vous francais?
...

Beim Vater

Georg ist der neue Helfer. Georg hilft, wo er kann. Er schafft Lebensmittel heran. Er schraubt Regale an. Er hört sich die Monologe an. Er widerspricht nicht, schneidet das Haar, stutzt den Bart, weil die Tochter nicht kann (der Vater sagt Frau Tochter, daß es klingt wie Frau Doktor), schraubt Räder an die Möbel, damit sie der Vater bewegen kann. Er besorgt Schuhkartons. Sie werden von Hand beschriftet vom Vater, der schon zittert. Die Kartons stapeln sich immer höher, bis zur Decke. Zeitgeschichte. Fotoarchiv. Zeitungsarchiv. Briefarchiv. Personenarchiv. Austriaka. SU. USA. Jede Abteilung hat Unterabteilungen. Auf einer Schachtel steht Biografien. Auf einer anderen Rezensionen. Auf einer steht EL, das heißt eigene Literatur. Sogar eine Schachtel mit Habseligkeiten vom Vater des Vaters, seine Uhr, sein Tagebuch. Auch geheimpolizeiliche Akten, die der Vater aus deutschen Büros damals in Straßburg entwendet hat, getarnt als Tapezierergehilfe. Viele Schachteln haben Buchstaben, die Georg nicht entschlüsseln kann, wenn der Vater sie nicht erklärt. Und er erklärt nicht viel.
Georg kauft auch Unterhaltsames für den Vater. Beispielweise Rätselhafte, jede Woche neue Hefte. Auch solche mit nackten Frauen darin. Auch sie stehen auf der Liste. Er kauft 40 Watt Birnen, damit nicht zuviel Strom verbraucht wird. Kauft Sardellen für die Brote. Und er wird gefragt nach der Tochter, was sie tue, was sie rede. Was sie über i h n rede. Das interessiert den Vater, doch Georg weiß nicht viel. Ob Georg mit ihr schlafe.
Wie, sagt Georg.
Na wie wohl, sagt der Vater. Ob Georg noch Jungfrau sei, will er wissen.
Nein, sagt Georg. Er wird rot. Ob er eine Freundin habe. Georg verneint. Und warum nicht? Georg weiß es selber nicht. Ob er sich also selbst befriedige.
Georg ist das Verhör peinlich. Er bejaht. Er schwitzt.
Der Vater sieht ihn durchdringend an. Dann entspannt sich sein Gesicht. Da sei nichts dabei, sagt er, doch es sei nur die halbe Wahrheit. In Eroticis, sagt der Vater, ginge es nur um eines, um Nähe.
...


Ausgearbeitete Szene 1

IN CLAUDIAS PRAXIS (INNEN / TAG)

Claudia geht zur Tür. Sie greift nach der Türklinke. Sie sieht Georg vor der Tür. Sie erschrickt.

CLAUDIA
Georg!

Sie nimmt Georg bei der Hand und zieht ihn in die Praxis herein. Georg sieht, sie hat geweint. Claudia schließt die Tür, dreht sich um und lehnt sich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür. Sie sieht Georg traurig an. Sie versucht ihn anzulächeln, hält dabei den Geldschein unschlüssig in der Hand Georg starrt auf den Geldschein.

GEORG
Was ist hier gelaufen?

CLAUDIA
Hallo Georg.

Georg schweigt.
Claudia atmet durch.

CLAUDIA
Was du jetzt wohl alles denkst.

GEORG
Was wollte Jago hier?

CLAUDIA
Er wollte was erzählen.

GEORG
Und was hat er so erzählt?

Claudia senkt den Kopf und schaut lange auf den Boden.

CLAUDIA
Es ist nichts passiert, Georg.

Sie muß sich zuerst sammeln. Sie greift sich an die Stirn.

CLAUDIA
Als ich noch mit meinem Mann zusammen war, da hab ich mich oft gefühlt wie ein Hund, den man füttert, den man krault, dem man auf den Rücken klopft, aber nicht ins Zimmer läßt. Ich habe ihn geliebt, aber er hat nichts gegeben außer Geld, teuren Kleidern, Reisen, Landaufenthalten, siebengängigen Menüs, mit Sorbets und Champagner, bis ich kalt und steif wie Eis war. Er gab nichts von s i c h. Ich habe ihn verlassen. Ich bin wieder aufgetaut. Und ich habe mir geschworen, mit meinen Gefühlen nie wieder so zu handeln. Doch es ist nicht so einfach. In der Praxis hier, da gebe ich auch meine Liebe her für Geld, viele haben gar kein Geld, doch auch sie müssen bezahlen, ohne Geld keine Liebe, ohne Liebe keine Heilung. Es ist immer ein Geschäft.

Sie macht eine Pause.

Und oft kann ich gar nicht helfen. Oft fühle ich mich schwach und schäme mich dafür. Ich hab dieses Geld - verdient mit meinem Körper, Georg. Aber nicht so wie du denkst. Hab ich es dir nicht erzählt? Manchmal zeige ich mich her. Ja. Es macht mir ein Vergnügen. Und wahrscheinlich auch dem Mann, den ich filme, wenn ich mich vor ihm entkleide, wenn ich mich vor ihm bewege. Diesem Mann ging es nicht gut und er ist gesund geworden. Ich habe ihm geholfen. Ich wollte gar nicht helfen. Ich hatte nicht die Absicht. Ich tat es so für mich. Er hat seine Frau verloren. Ja, auch sie hat getanzt. Vor Soldaten. Ohne Kleider. Die habens ihr nicht gedankt.

Sie macht eine lange Pause. Sie kann nicht weiter sprechen.
Sie schaut Georg an.

GEORG
Du bist so weit weg.

CLAUDIA
Was gibst denn du mir, Georg?

GEORG
Kommt Jago öfter her? Ist er jetzt dein Patient?

CLAUDIA
Es geht ihm wieder gut. Wie geht es dir, Georg?

GEORG
Er war nie dein Patient?

CLAUDIA
Bist d u mein Patient?

Georg geht zu Claudia hin. Er kniet sich vor sie hin. Er streichelt ihre Waden, fährt an ihren Beinen hoch, legt den Kopf an ihre Schenkel.

GEORG
Ich bin nicht gesund.

CLAUDIA
Ich mag deine Wunden.

GEORG
Du... wieso liebst du mich denn nicht...

Er fährt ihr unter den Rock, preßt seinen Kopf in ihren Schoß.
Claudia wühlt in seinen Haaren. Sie öffnet ihre Bluse.
Der Geldschein fällt herunter.


Ausgearbeitete Szene 2

CLAUDIAS WOHNUNG (INNEN / NACHT)

Claudias Wohnung liegt im Dunkeln. Die Türen stehen offen. Es ist halb zehn am Abend. Im Schlafzimmer sieht man die Silhouette einer sich bewegenden Bettdecke. Das Keuchen darunter klingt wie das Keuchen verirrter und verängstigter Menschen, die vor etwas auf der Flucht sind. Es läutet das Telefon. Georg und Claudia hören es nicht. Es läuft der Anrufbeantworter, Claudias Stimme meldet sich.

CLAUDIAS STIMME
Sie haben den Anschluß von Claudia Wagner gewählt. Bitte sprechen sie ihre Nachricht auf Band. Ich rufe sie so bald als möglich zurück.

Der Anrufbeantworter läuft weiter. Jemand ist in der Leitung. Man hört einen schweren Atem. Dann hört man die Stimme des Vaters.

DER VATER
Wo ist Georg!

Das Keuchen unter der Decke nimmt ab.

DER VATER
Wo ist Georg!
(Er hustet, macht eine Pause)
Ich bin noch in der Welt!

Das Keuchen unter der Decke hört auf.


DER VATER
Er hat heute Abend Dienst!!!

Die Bettdecke wird zurückgeschlagen.
Claudia greift nach dem Telefon. Es steckt nicht in der Station.

DER VATER
Es gibt mich noch!
(Er keucht.)
Ich kriege keine Luft!

Der Vater legt auf.
Claudia ist aus dem Bett gesprungen und findet das Telefon nicht. Es liegt im Wohnzimmer. Sie drückt eine Taste, es baut sich eine Nummer auf. Sie muß lange warten, bis der Vater abhebt.
Georg liegt wie erschlagen auf dem Rücken im Bett. Er hat die Augen offen.
Claudia spricht mit dem Vater. Georg hört nur leise Hallo, dann lehnt Claudia die Tür an, sodaß Georg sie reden hört, aber nichts mehr versteht.
Claudia hat zu sprechen aufgehört, kommt mit dem Telefon ins Schlafzimmer. Sie steckt es in die Station. Sie setzt sich auf den Bettrand.

CLAUDIA
Ich muß weg.

Sie streichelt Georgs Bauch.

CLAUDIA (zärtlich)
Tut mir leid.

Claudia zieht sich an. Sie macht nur ein kleines Licht an. Sie ist sehr schnell fertig. Sie zieht sich den Mantel über und nimmt den Autoschlüssel, der auf der Truhe liegt. Sie geht ins Schlafzimmer. Sie küßt Georg auf den Mund.

CLAUDIA
Bis gleich.

Claudia dreht das Licht ab und verläßt die Wohnung.
Georg starrt zur Decke, dann deckt er sich wieder zu und dreht sich auf die Seite.