ORPHEUS
oder Das Ende der Welt

Kinofilm, ca. 100 Minuten; Genre: Liebesdrama
(Musik: Alceste und Orfeo ed Euridice von Ch. W. Gluck)
Eingereicht zum Carl-Meyer Drehbuch-Wettbewerb 2006 / Graz, Thema: Bewegung
Copyright © Stefan Zeiler 2006

Synopsis

Eine moderne Orpheusgeschichte. Dem Deutschrumänen Martin ist seine Freundin abhanden gekommen. Er sucht sie in München, wo sie sich vermutlich aufhält. Martins Suche gestaltet sich schwierig. Seine Suchanzeigen werden entfernt. Ein Termin in einem großen Unternehmen endet für ihn ergebnislos. Seine Freundin Christina ist der Einladung des Fotografen Alex gefolgt, der sie als Model entdeckt hat und sie zugleich als Frau umwirbt. Alex´ Schwester ist Viola, die Martin kennen gelernt hat und mit der er viel spazieren geht. Bei einem Ausflug der beiden erkennt Viola von einem Hügel aus, als sie durch ein Fernrohr eine Menschenansammlung beobachtet, ihren Bruder Alex und Martin erkennt Christina, und daß die beiden ein Paar sind. Plötzlich wird Christina in einem Handgemenge zu Boden gestoßen. Bei dem Versuch, zu ihr zu gelangen, überquert Martin die Autobahn...

Personenbeschreibung

MARTIN (Pfleger in einem Kinderheim)

36 Jahre alt. Ein für seine schlanken Glieder etwas zu großer Mann, der sich seltsam gemessen bewegt. Sein Blick geht immer etwas nach unten. Die Kiefer sind kräftig, die Lippen voll, der Mund leicht geöffnet. Ein Schatten liegt über seinem Gesicht, der das starke Strahlen seiner tief liegenden Augen eher günstig abmildert.

Auf Wiesen fühlt er sich wohl. In der Stadt wirkt er verloren. Man spürt an seinem Gang, seiner Stimme, daß seine Situation eine schwierige und vielleicht überhaupt nicht zu lösende ist. Er ist unscheinbar gekleidet, in billigen Stoffen, die Schuhe sind alt, das Hemd hängt zum Teil über die Hose.

Der Vater stirbt, als er 5 ist, ein Arzt, der sich wie alle Ärzte (und wie fast alle Rumänen) mit Korruption über Wasser hält. Martin denkt nur gut von ihm. Die Mutter zieht den Jungen auf und heiratet nicht wieder. Martin geht auf die Lenauschule, ein deutsches Gymnasium in Temesvar und beginnt nach der Revolution (´89) Medizin zu studieren. Er schließt sich nicht der unmittelbar darauf folgenden Auswanderungswelle an, weil er die Mutter nicht im Stich lassen will. Als er 26 ist und sein Studium fast beendet hat, stirbt die Mutter, er verfällt in Schwermut und schafft den Abschluss nicht.

Nach zwei Jahren fängt er sich wieder und beginnt erneut zu studieren, Frühgeschichte und Philosophie. Zur Zeit hat er eine Stelle in einem Kinderheim, wo er sich um die Verpflegung kümmert, aber auch medizinisch tätig ist, weil nur selten ein Arzt bereit ist, unentgeltlich ein Kind zu behandeln. Es sind hauptsächlich Romakinder, meist absichtlich verstümmelt, elternlos, unterernährt.

Das “deutsche Geldgeklingel” - ein geläufiger Ausdrücke von ihm - bekommen die Donauschwaben zu hören, die in großer Zahl ausgewandert sind und ab und zu die Heimat besuchen. Gleichwohl bestellt er bei ihnen Bücher, die er sich freilich am liebsten schenken läßt. Er besitzt über 1000 Bücher, und besucht, soweit es ihm möglich ist, jedes Jahr die moldawischen Kirchen (deren Außenwände bemalt sind), obwohl er kein gläubiger Christ ist.

Seine Liebe zu Christina erlebt er als unerklärliche Hitze in einer kühlen Jahreszeit. Er hat so noch nie geliebt. Es ist das reale Glück. Es zerplatzt wie alles, was er schön, wertvoll und erhaltenswert findet. Daß alles Schöne verschwinden muss, ist auch das bittere Fazit einer rumänischen Biografie. Seine Trauer macht ihn stark, aber auch unbesonnen.

CHRISTINA (Informatikstudentin)

Sie ist 24, ein zierliches Wesen, biegsam und schön. Der Vater, aus ungarischen Familie, hat eine Deutschschwäbin geheiratet und sich in der Stadt Klausenburg ein altes Haus bewahren können, dafür allerdings fast sein gesamtes Vermögen für Schmiergelder ausgeben. Christina ist einen gewissen, wenn auch bescheidenen, Lebensstil gewohnt und hat nicht vor sich an einen Mann “unter Wert” zu verkaufen. Da sie keinen Studienplatz in Klausenburg bekommen hat, ist sie an die Universität nach Temesvar gegangen, wo sie Martin kennen gelernt hat. Dort, fern der Eltern - der Vater war streng - , hat sie ihrer “unvernünftigen” Liebe zu Martin nachgegeben, obwohl er völlig mittellos ist und auch keine Aussicht auf beruflichen Erfolg hat.
Sie hat lange blonde Haaren und ein Alabastergesicht. Sie redet leise, ist anschmiegsam, ihre Bewegungen fließen wie Wasser.

VIOLA (Sozialpädagogikstudentin)

Sie ist 28 Jahre, klein, hat ein frisches Aussehen, trägt eine Lederjacke und Jeans. Sie tendiert zur Rundlichkeit, ist aber keineswegs dick. Sie sieht jünger aus, als sie ist. Ihre Haare trägt sie meistens so, wie sie gerade fallen, wirr durcheinander. Äußerlich unscheinbar ist sie doch liebenswert, offen, charmant, so daß man sie mögen muss. Sie hat einen “Vaterkomplex”, der sich in einem ungewöhnlichen pädagogischen Ehrgeiz äußert, s i e will sozusagen belehren, nachdem sie genug belehrt worden i s t. Sie hat aus diesem Grund auch Mühe zu studieren, weil sie sich schwer einem Lehrstoff, einem Lehrer unterordnen kann. Gleichwohl fühlt sie die “natürliche” Autorität von Martin, hält ihn für hochbegabt (was nur zum Teil zutrifft), und wertet sich auf mit dieser “Entdeckung“. Außerdem liebt sie ihn möglicherweise.

Sie kommt aus einer engstirnigen Familie, hat einen magenoperierten Vater, der Finanzbeamter war und sie gequält hat mit seiner kleinbürgerlichen Erziehung, die allerdings so ungeschminkt geistlos war, daß sie ihr Ziel, einen farblosen Menschen aus ihr zu machen mit unterwürfigen Umgangsformen, um nicht Weniges verfehlt hat. Es war für sie nicht sehr schwer, diesen Ballast abzuschütteln und sich auf das Leben als ein Abenteuer einzulassen. Sie ist die Schwester von Alex.

ALEX (Fotograf, Artdirector bei NET.COM)

30, Dunkler Teint wie aus dem Urlaub, schlank, beweglich, groß, männlich, weite Bewegungen mit den Armen, sein Gesicht “denkt” nicht, sondern kommuniziert permanent mit hellwachen Blick und lächelndem Mund. Ohren sind die eines Rehs. Er trägt sportliche Markenkleidung, aber auch fallweise dunkle Anzüge mit einem dunklen Sweatshirt, in denen er sich sehr locker bewegt.

So mühelos - von außen gesehen - er durch den beruflichen Alltag kommt, immer humorvoll, immer agil, lässig alle Termine bewältigend, so sehr tut er sich schwer im Privaten. Er lebt zwar ungern allein und lässt sich auch jeweils auf die Frau ein, mit der er zusammen lebt, doch er hat keine glückliche Hand, was die Wahl seiner Frauen betrifft. Er hat einen Sohn, der 9 ist und den er alle drei Wochen sieht.

Als Erstgeborenen u n d Sohn hat ihn der Vater privilegiert. Viola trägt es weder dem Vater noch ihrem Bruder nach. Das Verhältnis zwischen Viola und Alex war immer ein Naheverhältnis, auch wenn sie andere Wege gehen, was ihre Lebensauffassung betrifft.

DIREKTOR (NET.COM)

Groß, breitschultrig, elegant, ein “Global Player“, nicht in Ressentiments befangen. Als Geschäftmann integer. Sein Motto bei allen Entscheidungen: die menschlich vertretbare Lösung. Er hat zwei Brüder, die ebenfalls an der Spitze großer Unternehmen tätig sind.

SEKRETÄRIN (Chefsekretärin bei NET.COM)

Groß, so groß, daß ihre Haltung ein wenig gebückt und müde wirkt. Schön wie ein trauernder, römischer Kopf. Eine leise, stille Frau, die Martin zugetan ist, aber nichts für ihn machen kann.

Beschreibung der Schauplätze

MÜNCHEN

Stadt ohne imperiales Gepränge, von Landschaft umgeben, sauber, wohlhabend, mit einer durchaus typischen Bauplastik grobkörniger Steinfiguren, die nicht unpoetisch sind. Brücken über einen Gebirgsfluss, der manchmal glasklar, manchmal, bei Hochwasser, schaumig kaffeebraun und von ungeheurer Gewalt ist.
Ein Ring aus Stahl, eine weißes “Gespenst”, ein runder Brunnen, ein Obelisk, Fahnenmasten, auf einem Dach eine steinerne Rüstung treten in dieser Geschichte nicht als Hintergrundkulissen auf, sondern sind selbst Akteure, Wächter, die Martin beobachten, sein Eindringen in diese Welt, die für Martin Unterwelt ist, die Verschlingerin seiner Geliebten. Die höchste Instanz der “senkrechten Formen” sind die allgegenwärtigen Masten, die das ganze Land bewachen und die NET.COM gehören. Untergeordnete Wächter sind Verkehrsschilderbäume, die Info-Figur am Bahnhof oder die Skulpturen im Schlosspark. Auch kleine Gegenstände, wie Korkenzieher, Kugelschreiber gehören dazu.
Löcher oder Rohre im Boden suggerieren Eingänge in eine dunkle Schattenwelt. Sie gehören den runden Formen an, die Martin zu schützen scheinen, wie z.B. die Sonne.

DER SCHLOSSPARK

Begegnungsort von Göttern und Menschen, Krähen und Schwänen, Skulptur und Natur, Blumenrabatten und Wolkenhimmeln. Eine Bühne, die alles beinhaltet, alles voraussagt, nichts auflöst. Ein Refugium für die Menschen. Es wird am Ende geschlossen.

DIE HEIDE

Eine Landschaft, die man in der Nähe einer Stadt nicht erwarten würde. Der totale Gegensatz zur urbanen, “errechneten” Landschaft. Obwohl sie völlig flach ist, wirkt sie wild, urtümlich, als könnte man hier Löwen begegnen. Ihre Schönheit wühlt auf.
Die Sonne ist hier nicht der Heizstrahler der Natur, sondern ein Teil des Ganzen und verhält sich zu ihr wie ein Auge zu einem Gesicht.

NET.COM, UNTERNEHMENSZENTRALE

Vor allem der Innenhof spektakulär. Postmoderne Stangensysteme versperren biedermeierliche Fassaden. NET.COM ist das Zentrum des Hades, aber kein Ort des Bösen, im Gegenteil. Hier werden die Schatten verwaltet, man ist ihnen gut, doch es gibt eine Grenze, wer drin ist kann nicht zurück. (E.on Zentrale, Briennerstraße)

DER MÜLLBERG

Ein künstlicher Berg aus Müll, mit Wegen und Wiesen und Schaukeln und Bänken zum Erholungsgebiet befördert. Neben dem Weg zum flachen “Gipfel”, wo ein großes Windrad steht, Schilder: Vorsicht - Deponiegas!, mit durchgestrichenem Streichholz. Um den Müllberg herum Gebüsch, die Kühltürme eines Kraftwerks, die Autobahn, jenseits der Autobahn das Stadion - alles spielzeughaft und neu, als könnte man die Dinge verschieben und auch irgendwo anders hinstellen. Weiter weg ein Autobahnkreuz. Unter dem Windrad ein fest installiertes Fernrohr, mit dem man bis hinter das Stadion schauen kann.

 

Fünf Auszüge aus der ausgeschriebenen Filmgeschichte

ORPHEUS
oder Das Ende der Welt

Einleitung

Temesvar, Rumänien. Innenstadt. Strahlende Sonne. Es sind ziemlich viele Menschen unterwegs. Gesund aussehende, gut angezogene wechseln mit mageren und verwahrlosten. Alex geht durch eine Straße. Er folgt einer Frau mit lagen, blondem Haaren, man sieht sie nur von hinten. Die Haare der Frau bewegen sich wellenförmig im Takt ihrer Schritte. Alex hält Abstand von einigen Metern und hat eine Kamera in der Hand. An einer Kreuzung ohne Ampel wartet die Frau. Ein Pferdefuhrwerk quert die Kreuzung, auf dem Kutschbock kein Kutscher. Als das Fuhrwerk vorbei fährt, sieht man auf der Ladefläche einen Bauern, der auf leeren Säcken schläft. Die Frau geht weiter, Alex folgt ihr. Sie hat keine große Eile. An einem runden Brunnen setzt sie sich auf den Rand, wirft ihr Haar in den Nacken, schließt die Augen und sonnt ihr Gesicht. Alex schießt von ihr ein Foto, ohne daß sie es bemerkt.

(Musik: Ah! se intorno a quest´ urna funesta, Chor/Orfeo)
Im Zug Bukarest München. Rumänien. Später Nachmittag. Flache Landschaft mit alten Dörfern, viele Häuser halb verfallen. Wohnblöcke aus Beton.
Martin sitzt in Fahrtrichtung am Fenster. Ihm gegenüber eine Bäuerin, neben ihr ein alter Bauer. Er hat einen Sack auf dem Schoß, den er mit den Armen festhält. Als der Zug stehen bleibt, beginnt sich der Sack zu rühren und plötzlich laut zu quieken. Der Bauer streichelt und tätschelt den Sack, spricht liebevoll mit ihm (rumänisch).

Abend. Der Zug steht. Die Bauern sind weg, stattdessen städtisch gekleidete Fahrgäste. Ein Zollbeamter betritt das Abteil. Er verlangt Pässe und fragt die einzelnen Fahrgäste nach ihrem Gepäck (ungarisch). Er fragt Martin nach seinem Koffer und fordert ihn auf ihn zu öffnen. Martin hebt den Koffer herunter und öffnet ihn. Etliche Bücher liegen zu oberst, fast alle mit deutschen Titeln: Thrakien, Die Seidenstraße, Ein Buch von Herta Müller “Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“, Ovids Metamorphosen, ein Textbüchlein zu Glucks Oper Orpheus und Eurydike, ein veralteter und zerlesener Reiseführer für Bayern. Der Zöllner mustert die Bücher und hebt Kleidungsstücke hoch. Was der Grund seiner Einreise sei, will der Beamte wissen. Martin sagt Germania und zeigt auf den Reiseführer. Der Zöllner will die Fahrkarte sehen. Sein Pass wird indessen von einem anderen Zöllner geprüft. Während der Zöllner die Fahrkarte prüft, wird Martin vom Hund des Zöllners fixiert. Martin schaut ihm in die Augen. Der Hund beginnt zu knurren, hält jedoch dem traurig müden Blick von Martin nicht stand und wendet sich winselnd ab. Der Zöllner gibt Martin die Fahrkarte und den Pass zurück und verlässt mit dem Hund das Abteil.

Nacht. Im Abteil. Martin hat das Buch auf den Knien, in das er nur selten hineinschaut, weil er sich nicht auf den Text konzentrieren kann. Auch zu schlafen gelingt ihm nicht. Er verlässt das Abteil, möglichst ohne an den Knien der schlafenden Männer anzustreifen, die jetzt in seinem Abteil sind, geht auf den Gang und öffnet ein Fenster. Er streckt den Kopf in den Fahrtwind. Auch wenn er draußen kaum was erkennen kann, sieht er vereinzelten Lichtern nach oder einer beleuchteten Straße oder einer Wasserfläche, die ein trübes Licht reflektiert. Martin öffnet seinen Mund, doch der Luftstrom läßt sich nicht atmen. Einmal kann Martin den Anfang des Zuges sehen und ein grünes Signal zeigt an, daß der Zug freie Fahrt hat. Das Rattern des Zuges, der stechende Wind und die ungemütliche Dunkelheit zwingen ihn schließlich, das Fenster zu schließen. Er schaut durch das geschlossene Fenster, dann fällt sein Blick in sein Abteil zu den drei schlafenden Männern, die vom Zug hin- und herbewegt werden, ohne davon aufzuwachen. Er schaut den Gang entlang. Am Ende des Ganges steht eine Frau, die mit ihrem Handy beschäftigt ist. Als sie eine Verbindung herstellt, dreht sie Martin den Rücken zu und öffnet ihre Haare, die sie als Knoten hochgesteckt trägt. Sie hat langes, blondes Haar. Martin schaut lang in ihre Richtung. Die Männer im Abteil schlafen, einem steht der Mund weit offen. Martin öffnet wieder das Fenster. In dem Moment rast ein Zug aus der Gegenrichtung vorbei. Sofort schließt Martin wieder das Fenster.
...

 

Im Schlosspark.

Vormittag. Junge Familien gehen spazieren, auch etliche Touristen. Ein Jogger dreht seine Runden. Ein Brautpaar lässt sich fotografieren, läuft dazu in den Schatten der Bäume. Martin schaut dem Brautpaar zu, wie es sich in Positur stellt, die Frau an den Mann geschmiegt. Die Pose wirkt gekünstelt. Die Götterfiguren entlang der Beete scheinen ihm nachzublicken, während er die Menschen beobachtet, als suche er jemand Bestimmten.

Martin verweilt auf einer Brücke über einen Seitenkanal.
Der Jogger läuft vorbei, keuchend, schweißüberströmt. Er bleibt neben der Brücke stehen, macht diverse Kraftübungen, in den Händen kleine Gewichte. Alle Leute schauen ihn an. Während er sich schwitzend abmüht, spricht er laut zu den Passanten, die auf Sicherheitsabstand gehen.
Martin betrachtet unterdessen von der Brücke aus die vielen Karpfen, die sich im trüben Wasser tummeln. Ihre Mäuler bewegen sich, als schnappten sie nach Luft. Martin packt die Semmel aus, die er mitgenommen hat. Sie fällt ihm aus der Hand. Er hebt sie auf, sie ist so staubig, daß er sie nicht mehr essen mag. Die Fische im Wasser bewegen die Mäuler. Martin bricht von der Semmel Stücke ab und wirft sie den Fischen hin. Zwei, drei Spatzen fliegen herbei, die Martin ebenfalls füttert. Auch ein Schwan nähert sich und fordert seinen Anteil. Ein Kind will den Schwan streicheln und erschrickt, weil der Schwan es anfaucht. Die Mutter tröstet das weinende Kind. Füttern sei hier nicht erlaubt, sagt sie vorwurfsvoll zu Martin. Dann setzt sie dem Kind eine Haube auf, zum Schutz gegen die Sonne.

Martin am künstlichen Wasserfall, der von Götterstatuen umgeben ist. Er schreitet die Reihe der Statuen ab, die von teils theatralisch düsterem, teils, in ihrer frivolen Aufmachung, von ungewollt komischem Ausdruck sind. Die letzte Figur ist Pallas Athene, die einen Schenkel entblößt hat: ein Strumpfband ist zu sehen. Ein verspielter Brustpanzer lässt eine der Brüste frei. Sie blickt über Martin hinweg, mit merkwürdig riesigen Augen unter einem pompösen Helm.
Über ihrem Helm, am Himmel, ziehen dunkle Wolken auf.

Auf einer Bank zwei Frauen undefinierbaren Alters, die trotz der Hitze Fuchs- und Marderstolas tragen und Martin feixend beobachten. Sie essen ein Fladenbrot, das sie stückweise zerreißen. Während Martin die Skulptur betrachtet und den Frauen den Rücken zuwendet, hebt eine der beiden Frauen einen Kiefernzapfen vom Boden auf und wirft ihn in Martins Nähe.
Martin wendet sich ruhig um. Die Frau schaut dumm in die Luft, dann glotzt sie die andere an, als würde sie Martin nachäffen.
Martin schaut die beiden an, dann den großen Kiefernzapfen, ohne reagieren zu können.
Als er sich ein Stück weit entfernt hat, pfeift die eine einen Marsch, während die andere ihm ein freches “Wiedersehen Herr Doktor” nachruft.
In der Ferne, winzig klein, zwischen Waldstücken, das Schloss.
Mittlerweile ist der Himmel dunkel und die Witterungsspuren an den Statuen gleichen schwarzen Pechsträhnen. Eine Krähe landet auf der Leier des Apoll.
...

 

In der Zentrale des Handynetzbetreibers NET.COM.

Das Büro des Direktors. Alex breitet Fotos auf dem Schreibtisch des Direktors aus. Es geht um den Einstieg des Unternehmens in das Providergeschäft. Man wird künftig auch einen Funk-Internetzugang anbieten und dazu das vorhandene eigene Handymastennetz nutzen. Der Direktor ist euphorisch. Es bestünden gute Chancen innerhalb der nächsten Jahre Marktführer zu werden. Alex hat zwar keinen Auftrag, aber bereits eine Idee für ein schlüssiges Werbekonzept. Er hat vor Christina als Logo zu verwenden. Sie sei völlig unverbraucht, habe eine fantastische Ausstrahlung. Er zeigt die Porträtaufnahmen, Aufnahmen im Minikleid, ein schulterfreies Porträt und Fotos, auf denen Christina sich an den Stamm eines Baumes schmiegt. Es sind Farb- als auch Schwarzweißfotos. An Details im Hintergrund sieht man, daß einige Fotos wohl im Ausland gemacht worden sind (eine alte Dorfstraße, ein holzgeschnitztes Tor…). Alex sagt, daß er diese Fotos ganz spontan “unten” gemacht habe, mit einer alten russischen Kamera, wenn er die nicht dabei gehabt hätte, hätte er sie aus den Augen verloren…
Der Direktor betrachtet die Fotos aufmerksam abwägend, wie einen Lageplan.

Alex führt weiter aus, die Idee sei ihm bei dieser Aufnahme gekommen - er zeigt auf das Foto, wo Christina den Baum umarmt - doch er wolle das Konzept erst mit ihm allein besprechen, zu viele Köche verdürben den Brei…
Durch ein Fenster des Büros sieht man, wie Alex dem Direktor seine Idee auf ein Blatt Papier aufzeichnet, dann macht er mit beiden Armen eine ausladende Bewegung und beschreibt mit weiteren Gesten, wie er sich die Sache vorstellt.
Der Direktor denkt nach. Ihm scheint die Idee zu gefallen. Er spinnt sie weiter aus. Seine Augen fangen an zu leuchten. Er klopft Alex auf die Schulter.

Die Sekretärin, groß, elegant, im dunklen Anzug, kommt herein und sieht die Fotos und die Skizze: sie stellt einen Baum dar, der sehr große Blätter und dazwischen große “Ohren” und als Spitze eine Antenne hat, die mit Sendegeräten bestückt ist. Alex zeichnet um den Baum noch eine Schlange, die einer weiblichen Figur eine Frucht reicht.
Und als Eva - Christina, sagt Alex.
Der Direktor denkt nach: ob die Schlange nötig sei…
Richtig, nur Christina, ohne Schlange, sagt Alex, das sei überhaupt genial, Baumnymphe, Lebensbaum, grüne Blätter, empfänglich für Licht, für Wellen, für Sonne, Informationsfluss, Liebesgeflüster, was auch immer … Empfangen sie die Zukunft!… und das Internet die Sonne, Datenspender, Lichtbringer …
Der Direktor nickt zufrieden. Sonne, Licht, das sei gut, sagt er und schaut auf zur Sekretärin, die ihm ein paar Briefe reicht, die er unterschreiben soll.
Alex sammelt die Fotos ein und steckt sie in eine Mappe. Der Direktor setzt sich und unterschreibt die Briefe. Alex verabschiedet sich.

Die Sekretärin nimmt die Briefe an sich und verlässt das Büro. Kurz darauf kommt sie wieder, und bringt dem Direktor das Skizzenblatt, das versehentlich unter die Briefe geraten ist. Der Direktor dankt ihr kurz. Die Sekretärin weist ihn auf die Rückseite des Blattes hin. Der Direktor dreht das Blatt um, schaut es an - und stutzt.
Es ist Martins Suchanzeige mit dem Foto von Christina.
Er macht ein sehr erstauntes Gesicht. Dreht sich in seinem Sessel. Schaut die Sekretärin an. Dann greift er zum Telefon und wählt eine Nummer.
...

 

Auf dem Weg in die Oper

Abend. Christina und Alex verlassen das Haus. Alex im dunklen Anzug mit Sweatshirt, sehr elegant, Christina in einem braven, etwas veralteten Sommerkleid, weiß mit rotem Blumendekor. Alex sagt, daß sie ihm sehr gefalle in dem Kleid, an ihr werde es lebendig. Nun, es sei ja schließlich heute ihre erste Oper, da wolle man schon glänzen, sagt Christina. Alex beißt sich auf die Lippen. - und von wem komponiert, fragt Christina. Christoph Willibald von Gluck, sagt Alex. Gluck, sagt Christina, schön. Ob er eine Blume noch gefunden habe, fragt Christina. Ja, sagt Alex. Was für eine… Eine gelbe Narzisse, wie sie ihm gesagt habe, sagt Alex. Christina schweigt. Sie gehen schweigend über eine Steinbrücke, unter ihnen der dunkle Fluss. Als sie am Ende der Brücke sind, bleibt Christina plötzlich stehen.
Sie habe es nicht geschafft. Sie habe ihm geschrieben, immer wieder, es versucht, alles immer wieder zerrissen. Tränen rinnen ihr herunter. Alles habe sie zerrissen, die Familie verlassen, Martin… Sie setzt sich auf einen Kiesbehälter der städtischen Verwaltung und weint vor sich hin. Dann fängt sie sich wieder.
Dieses Kleid sei nicht schön, doch sie trage es sehr gern, es sei ein Kleid von Edith, ihrer Lieblingsschwester und der ältesten der fünf, die sie waren, sein mussten, fünf war nämlich vorgeschrieben für verheiratete Leute, Edith sei 18 gewesen, als ihr eine Freundin half, eine Abtreibung zu machen, es sei noch mal gut gegangen, sie sei nicht daran verblutet, da sei noch ein Fleck zu sehen, sie hätten damals nicht das Geld für einen Arzt gehabt… trotzdem sei sie dann verblutet, nur sieben Tage später, an der piata sapte sute, das heiße 700, wie der Zufall doch so spiele, im Dezember 89, ihre Leiche habe man mit all den andern, die zerquetscht, erschossen und erschlagen worden waren, in der Nähe einer Werkstatt für Agrarmaschinen dann verbrannt, dort gab es Autoreifen, es gab ja kein Benzin oder Holz oder sonst was, um die Toten zu verbrennen, es gab ja nicht mal Holz, um die Küche einzuheizen… Immerhin gäbe es von Edith dieses Kleid, daß sie sich erinnern könne, wenn es schon kein Grab gäbe, “durch sie werde es lebendig“, das habe er schön gesagt, auch Martin sei ja damals auf den Straßen rumgelaufen für die Freiheit, für das Leben, u m sein Leben, er habe ihr erzählt, wie es zugegangen sei, sie sei ja damals noch ein Kind gewesen, grad mal sieben, er habe viel erzählt, er habe nicht gut geküsst, drum habe er viel erzählt, er hatte überlebt, er hatte Glück gehabt, er sei nur verwundet worden, doch es habe ihn beschäftigt, dieses Glück, und bedrückt, er habe dieses Glück leider nie genießen können, und sie wollte schon als Kind immer in der Wiese sitzen, auf den Schultern ihrer Schwester, Brombeermarmelade naschen, und die gab es jeden Tag, weil es ja nichts Anderes gab außer Brombeermarmelade, in der Früh und am Abend und zu Mittag, wochenlang, Brot und Brombeermarmelade… Christina lacht, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und sucht ihre Handtasche. Alex reicht ihr die Tasche und setzt sich neben sie. Sie nimmt aus der Tasche ein Taschentuch heraus.
Kein schönes Leben, sagt sie, das könne er ihr glauben. Doch jetzt freue sie sich richtig auf die Oper, da dürfe man doch weinen, sagt sie lachend, und das tue ihr jetzt gut.
Sie schnäuzt kräftig ihre Nase.
Alex legt seinen Arm um ihre Schultern und streicht ihr zart durchs Haar.
...

 

Das Fernrohr

Menschen strömen aus dem Stadion. Da sei grad ein Spiel zu Ende, sagt Viola. Martin betrachtet die Heidelandschaft. Alex wollte hingehen, einmal sei sie mitgegangen, das habe ihr gereicht, sagt sie. Martin wandert mit dem kreisförmigen Bildausschnitt des Fernrohrs vor in die Menschenmenge. Viele Fans sind bunt gekleidet, in den Farben eines Vereins, und schwenken Fahnen oder Schlangenluftballons.
Diese kostümierten Horden seien unberechenbar, sagt Martin.
Martin fokussiert einen Mann, der mit einer großen Kamera feiernde Fans fotografiert. Es ist Alex.
Wie ihr Bruder aussehe, fragt Martin beiläufig.
Er habe immer einen Fotoapparat dabei, sagt Viola.
Er habe ihn gefunden, sagt Martin und läßt Viola durchs Fernrohr schauen.
Viola schaut durch das Fernrohr. Ja, das sei er, so ein Zufall, sagt sie und winkt unwillkürlich mit den Armen.
Er könne sie nicht sehen, sagt Martin
Viola beobachtet ihren Bruder durch das Fernrohr, wie er seinerseits winkt.
Doch, er habe sie gesehen, sagt sie.
Unmöglich, sagt Martin und schaut selber durch das Fernrohr.
Er sieht, wie Alex jemandem in seiner Nähe winkt.
Er winke jemand anderem, sagt Martin und sucht mit dem Fernrohr in der Richtung, in die Alex winkt. Dann sieht er in der Menge eine Hand zurückwinken. Eine Frau winkt zurück, eine Frau mit blonden Haaren, die er nur von hinten sieht. Dann sieht er, wie die Frau auf Alex zugeht, und wie Alex einen Arm um ihre Schulter legt und sie küsst. Er gibt ihr zu verstehen, daß er nur noch ein paar Fotos mache, es dauere nicht lange. Die Frau nickt verständnisvoll, sie werde solange warten. Alex entfernt sich. Die Frau macht ein paar Schritte. Man sieht ein bisschen von ihrem Gesicht. Es ist offenbar Christina. Alex ist nicht mehr zu sehen.
Christina, flüstert Martin.
Plötzlich umringt eine Gruppe trinkender, torkelnder Fans die Frau, Fahnenstangen werden geschwungen, Flaschen aneinander gestoßen, einer trägt eine Affenmaske und schwingt mit einer Ratsche. Ein Maßkrug wird geworfen. Ein Sektkorken knallt.

Dann die Kamera vor Ort. Christina fasst sich an die Stirn. Konfetti regnen nieder. Der Affe schüttelt die Sektflasche und besprüht damit die Menge. Immer mehr Fans strömen herbei, schwingen Schals, singen, klatschen. Ein Rauchkörper explodiert und verbreitet farbigen Rauch. Alex, weit abgedrängt, fokussiert ein Motiv, wird von jemand angerempelt, sucht sofort ein neues Motiv. Geschrei, Gesänge, Ratschen. Kriegerisch bemalte, nackte Männeroberkörper. Fans mit meterhohen Hüten. Eine Fahne an einer Stange wird horizontal geschwungen. Christina weicht ihr aus. Plötzlich ein Handgemenge unter gegnerischen Fans. Polizisten eilen herbei, Schlagstöcke in den Händen. Christina wird umgestoßen und bleibt am Boden liegen.
Martin schaut durch das Fernrohr.
...

Eine ausgearbeitete Szene

Eine weite Heidelandschaft am nördlichen Stadtrand. Am Ende einer Straße ein sehr kurz gemähtes Rasenstück, ein “Flugplatz” für Modellflugzeuge. Einige Männer stehen herum und lassen motorbetriebene, ferngesteuerte Flugzeuge starten und landen und manövrieren sie durch die Luft. Die Flugzeuge fliegen gewagte Loopings und verursachen ziemlichen Lärm.

Viola und Martin da, wo die Straße in eine staubige Feldstraße übergeht, die weit in die Heide hineinführt. Sie betrachten die Flugzeuge, die über ihre Köpfe hinwegsausen oder hoch in den Himmel aufsteigen.

VIOLA
Das wolltest du mir zeigen?

MARTIN
Auch. Aber das ist noch nicht alles. Komm. Wir gehen hier entlang.

Martin führt Viola auf die staubige Feldstraße. Er schaut in die weite Landschaft.
Viola denkt über etwas nach.

VIOLA
Hast du den Direktor denn überhaupt gesehen?

MARTIN
Nein.

VIOLA
Und wieso glaubst du, daß er dahinter steckt?

MARTIN
Es war seine Sekretärin.

Sie gehen nebeneinander her. In weiter Ferne ist eine kleine Staubfahne zu sehen, die sich über die Heide bewegt. Viola schaut vom Boden auf.

VIOLA
Schön ist es hier.

MARTIN
Ja.

Der Lärm der Flugzeuge ist jetzt leiser, dafür nimmt ein anderes Geräusch zu, ein Dröhnen, das von rechts zu kommen scheint, wo alles mit dichtem Gebüsch bewachsen ist. Links, in der offenen Heide, Schafe.


VIOLA
Vielleicht solltest du sie lassen. Sie wird sich bei dir melden, wenn die Zeit für sie reif ist.

MARTIN (weist auf eine Abzweigung nach rechts)
Hier entlang.

Sie biegen in den Seitenweg ein, der in das Gebüsch hineinführt. Das Dröhnen wird immer lauter und ähnelt einer Hundemeute, oder einem Hornissenschwarm, über Lautsprecher verstärkt.

MARTIN (zeigt ins Gebüsch)
Hier entlang.

VIOLA
He, wo führst du mich da hin, das ist ja kaum auszuhalten.

MARTIN (mehr zu sich)
Eben.

VIOLA
Hast du was gesagt?

MARTIN (laut)
Nein!

Martin geht voraus, eine ihm bekannte Route. Sie steigen eine Böschung hinauf. Auf der Böschung eine Lichtung.

VIOLA (laut)
Ich will weg hier!

Sie stehen auf der Böschung und schauen auf eine Gokart-Rennbahn, auf der gerade ein Rennen stattfindet. Die Rennbahn ist nicht groß, ihre Kurven sind sehr eng. Zwischen den Kurven Erderhebungen, die einen Teil der Strecke verdecken. Der Lärm ist unerträglich.