MONOLOG

Spielfilm, ca. 60 Min., Video/Farbe
Drehbuch: Stefan Zeiler
(Arbeitsfassung)
Copyright © Stefan Zeiler 2009

Den ganzen Film über spricht eine männliche, von Eigensinn, Selbstzweifel und ungewöhnlicher Begabung geprägte männliche Stimme Mitte vierzig. Dazu Bilder von verschiedenen Schauplätzen zu chronologischen Jahreszeiten:

Ein Pferdegestüt
Ein Platz vor einer Kirche
Ein einsamer Weiher
Eine grüne Hügellandschaft im Spätsommer
Waldwege im Winter
Ein Weinlokal

in denen gelegentlich eine Frau, immer dieselbe, als Zuhörerin und Begleiterin des sprechenden Mannes im Bild erscheint. Sie selbst spricht nie und hört dem Mann auch nicht immer wirklich zu, beispielsweise wenn sie auf einer Bank oder auf dem Steg eines Weihers liegt, um sich auszuruhen. Die Kameraperspektive gibt wechselweise die Subjektive des Mannes, der Frau und Umgebungsausschnitte wieder.


Fünf Auszüge aus der Arbeitsfassung des Drehbuchs


1 GESTÜT AUSSEN / TAG
Pferd mit Reiter in der Koppel. Titel

MÄNNLICHE STIMME off
Weißt du, was ich denke? Jeden Tag denk ich das. Könnte mein Leben auch anders verlaufen. Könnte ich auch ein anderer sein.

Was wäre ich ohne dich.

Was wären wir ohne einander.

Aber auf die Entfernung gleichen sich die Menschen wieder. Oder sind sie sehr verschieden? Du wirst natürlich auf die Unterschiede achten. Dein Beruf erfordert das. Ich möchte nicht in die Menschen so hineinschauen. Ich will nicht alles sehen. Ich will nicht gesehen werden.

Kopf eines Albinopferdes mit Gesichtsmaske, nah

Wozu diese Maske gut ist. Ein Sonnenschutz vielleicht. Aber hier ist keine Sonne. Vielleicht ist das Pferd empfindlich.

Wenn man denkt, dass Pferde in die Schlacht gezogen sind. Früher. Sie sind nicht davon gelaufen. Vor den Spießen und den Schüssen. Pferde sind doch Fluchttiere, oder nicht? Aber man kann sie erziehen. Offenbar. Wie die Menschen.

Dunkles Pferd, Kopf nah

Wenn ich Fotograf wäre, würde ich nicht Menschen zeigen. Keine Menschen. Keine Tiere. Nichts, was sich bewegen kann. Nichts, was ein Gesicht hat.

Das Gesicht ist empfindlich. Es ist eine Innerei, das Gesicht. Oder nicht?

Ein Gesicht wird immer einen Mangel offenbaren. Ganz egal, wie schön ein Mensch ist. Einen Mangel gibt es immer. Für den Mangel kann er nichts. Für die Schönheit kann er auch nichts. Oder siehst du das anders?

Ein Hund überquert den Platz, bellt in die Kamera

Ich habe nie verstanden, dass die Hunde sich nicht wundern. Ich hab mich als Kind gewundert.

Eine Frau, die im Gestüt arbeitet, striegelt ein Pferd

Wie die Autos funktionieren. Bei den Tieren ist das klar. Die sind ja wie die Menschen. Haben Beine, haben Augen. Autos hab ich nicht verstanden. Nicht einmal die Fahrräder. Wieso sich die Räder drehen. Das hab ich nicht verstanden. Und dass sie sich lenken lassen. Dann hab ich mir auch gedacht, wieso ist die Straße glatt. Wer hat sie so glatt gemacht. Oder ist das nur ein Zufall, dass sie glatt ist? Ohne Naht. Ohne Buckel.

Wie wichtig ist es überhaupt, dass man denkt. Was sagst du? Ist es wichtig oder unwichtig? Viele Menschen denken ja nur das Allernötigste. Sie denken instinktiv. Wie die Tiere. Aber das ist noch nicht denken.

Pferd nah

Neulich hab ich einer Kuh auf einer Weide etwas vorgespielt. Von Bach. Aus dem Auto. Die Französischen Suiten. Sie hat wirklich zugehört. Sie hat so hingestellt, dass sie besser hören kann. Und sie hat die Ohren so verdreht wie ein Hase, aber nicht so angespannt, nicht so auf der Hut wie ein Hase. Eher neugierig verwundert.

Sie schien Bach zu mögen.

Ich versteh bis heute nicht, wie Musik funktioniert.

Und Atome! Wie können so Atome denn überhaupt entstehen? Sind Atome Lebewesen, wenn sie sich vermehren können? Koalieren, kopulieren? Ein ganzes Universum konstruieren? Wie geht das? Ohne Plan. Ohne Noten. Ohne Schrift.

Gelten die Naturgesetze eigentlich auch für das Denken?

Gibt es eine Freiheit der Gedanken oder nicht?

Pferdefüße mit Schatten

Und das Licht. Wie es scheint. Wie es diese Schatten macht. Findest du das hinnehmbar? Ist das die Gerechtigkeit? Findest du das Licht gerecht? Ich finde es ungerecht. Das Licht ist unerbittlich.

Pferdefuß nah

Wie die Schwerkraft. Immer fällt etwas herunter! Neulich fällt mir der Schlüssel herunter. Auf der Straße. Ich merke es nicht. Mein einziger Autoschlüssel. Den anderen habe ich schon verloren.

Eine Frau ruft mir nach. Bringt ihn mir. Das war Glück.

Glück ist, wenn etwas - herauf fliegt. Das ist ausgesprochen selten. Meistens fällt etwas herunter. Geht schief. Bleibt stehen. Bricht zusammen. Liegt danieder.

Glück und Schwerkraft, das ist eine äußerst unwahrscheinliche Verbindung.

Meine Meinung ist ja, dass die Schwerkraft uns bestimmt. Sie bestimmt unser Denken.

Darum haben ja die Menschen diese Kraft entwickelt. Diesen Willen. Weißt du wie viel Eisenstäbe in so einem Haus stecken?

Frau transportiert Mülleimer

Immer schleppt man eben die Kultur mit sich herum. Eine Heirat wider Willen. Man wird da nicht gefragt.

Die Frauen mit Mistkübeln halbnah

geflüstert
Ist das nicht wie Theater? Sie fragen sich natürlich, ob wir ein Verhältnis haben. Beziehungsweise in welchem Verhältnis wir eigentlich zueinander stehen. Was sind wir? Ein Ehepaar? Oder bin ich dein Geliebter? Sind wir Bruder und Schwester? Oder Vater und Tochter?

wieder in normaler Lautstärke
Sind wir überhaupt verwandt? Wir sind doch so verschieden. Findest du nicht? Schämst du dich nicht, einen so geschwätzigen Bruder zu haben? Wieso antwortest du nicht?

Frau mit Hund geht vorbei

Ja die heutige Musik, sie spricht einen auch nicht an. Sie ist mit sich selbst beschäftigt.

Dabei ist Musik doch so einfach. Und natürlich. Wie das Wasser. Wenn es fließt. Meine Stimme, deine Stimme sind im Grunde schon Musik! Deine hör ich leider selten. Meine hörst du pausenlos. Dabei hab ich nichts zu sagen.

Niemand hat etwas zu sagen.

Kein Kollege, den ich kenne, hat wirklich was zu sagen.

Doch wie soll man komponieren, wenn es nichts zu sagen gibt!

Pferd in der Koppeltür

Vielleicht spricht ja die Musik heute gegen eine Wand. Oder vielleicht spricht die Wand. Vielleicht spricht die Wand ja von ihrer eigenen Zersetzung. Eine Materialermüdung. Die Geräusche des Zerfalls. Reibungen. Kollisionen. Die Gefahr. Und die Angst. Was befindet sich dahinter! Nicht Wissen, was da vorgeht. Die Angst ist das Thema.

Die Musik hat Angst bekommen. Sie singt nicht, sie zittert.

Ein Pferd schlägt mit dem Huf auf den Asphalt

Oder sie schlägt selber zu.

Und da wo geschlagen wird, fallen auch die Konventionen. Und die Hemmungen natürlich. Das Fass ist zu voll. Das Fass ohne Boden ist zu voll. So ist das.

Bleiben wird vom Beton - und vom Eisen im Beton - nichts. Nur ein Haufen grauer Staub. Das hat man ja gesehen.

Ich versuche ja im Grunde so zu komponieren - wo bist du? -

Rika geht über den Platz zu einem Pferd hin.

laut und immer lauter
als wäre da ein Text. Ich meine eine Stimme.

Als gäb´ es eine Stimme. Aber diese Stimme flüstert.

leise, für sich, Kamera Rika nachblickend
Man hört sie praktisch nicht.

Ich bin auch ein Kind der Zeit. Ich bin auch schon infiziert. Ich kann keine Melodie mehr komponieren. Tut mir leid.

Etwas spricht. Eine Stimme. Aber man kann nichts verstehen.

Einen Nebel komponieren. Ein Dickicht. Eine Wolke.

Eine schwarze Hagelwolke.

Wohin führt das alles noch!

Rika ist zurück, wieder laut zu Rika
Sag die Wahrheit, hältst du mich für einen guten Komponisten?

Bin ich denn ein Komponist?

Ich finde doch, man muss das Publikum verstören. Irritieren. Überfordern. Auch ermüden. Die Zeit der Schonung ist vorbei. Alle stehen wir am Abgrund. Alle sind wir unberechenbar geworden.

Es ist nur noch eine Frage von Jahrzehnten, dass uns der Prozess gemacht wird. Alle machen wir ja mit. Wer will den schon zurück? Oder willst du so leben wie vor hundert Jahren?
Langweilt dich dieses Thema?

2 PLATZ VOR EINER KIRCHE AUSSEN / SPÄTER NACHMITTAG
Ein großer leerer Platz vor einer Backsteinkirche im Abendlicht. Aus der Kirche kommen nach udn nach Gottesdienstbesucher heraus, vorwiegend alte Frauen, einige Paare.

MÄNNLICHE STIMME off
...
Aufklärung. Selbsterkenntnis. Ohne dem geht es nicht. Es gibt eben keine Lösung. Seit der Fortschritt überall grassiert, tritt die Menschheit auf der Stelle. Noch nie war ein derartiger Stillstand zu verzeichnen. Alle treten auf der Stelle. Es bewegt sich gar nichts mehr. Die Welt ist wie erstarrt.

Und der Pabst schweigt beharrlich. Er schweigt zu allen Fragen, die mir auf den Nägeln brennen. Dass wir keine Egoisten sein sollen. Gut. Keine Hedonisten. Gut. Keine Fundamentalisten. Damit meint er die Muslime. Das ist alles nicht sehr neu.

Die Begleiterin im Abendlicht mit rot erleuteten Haaren

Aber was wir von der Zivilisation halten sollen? Von der Kohle! Vom Uran! Vom Auto! Vom Asphalt! Hat Jesus Christus einen Lichtschalter bedient? Hat er sich auch nur einen Zahn reparieren lassen? Übrigens heißt es ja: deine Haare sind gezählt, nicht die Zähne wohlgemerkt, oder Zehen, oder Finger, nein, die Haare.

Das wirft eine Frage auf. Weil ich nämlich keine habe.

Schnitt

Kennst du nicht diese Stelle? Deine Haare sind gezählt. Wie ist das zu verstehen? Du hilfst mir auch nicht weiter. Jedenfalls wird gezählt.

Der Fortschritt ist ein Sturm. Wer sich wehrt, wird geknickt.

Das passiert von ganz allein. Alle werden mitgerissen.

Leerer Platz, dann Bewegung

Schubring schreibt so manieriert. Er hat kein Gespür für Stoffe. Orpheus und die Argonauten, das wäre doch ein Stoff! Oder Isis und Osiris. Die Schwester, die den toten Bruder wieder auferweckt zum Leben. Das würde mir schon liegen. Das wäre musikalisch auch ergiebiger als diese komische Zirkusgeschichte.

Schubring ist so einfallslos. Er muss alles neu erfinden! Er denkt sich etwas aus! Darin liegt bereits der Fehler. Und es ihm fehl an Erziehung. Darin sind wir uns ähnlich. Beide sind wir nicht erzogen. Beiden fehlt es uns an Takt, Höflichkeit, Umgangsformen.

“Erzeugt, nicht erzogen, eines Wesens mit dem Vater…”

Du bist später nie mehr in die Messe gegangen. Dich langweilt dieser Kult. Mich beschäftigt er noch immer. Manchmal geh ich in die Kirche. Aber ich bleibe hinten. Ich geh nicht zur Kommunion.

Ich will nicht gefüttert werden. Ich bin ja gefüttert worden. In dem Landheim, du weißt. Da wurden wir gefüttert. Kannst du dich nicht erinnern? Wir bekamen diese Suppe jeden Tag. Kohl und Brot. Brot und Kohl.

Einer hat sich da bei Tisch regelmäßig übergeben. Der bekam dann eben das Erbrochene zu essen. Rein geschoben in den Mund.

Den Löffel gegen die Zähne gestoßen, dass es uns in den Ohren klirrte.

Damals war ich kurz davor zu reden. Kurz davor. Aber ich hab nichts gesagt.

Warum hab ich nicht geredet?
...

Ich frage mich allen Ernstes, ob die Menschen nicht Barbaren hätten bleiben sollen. Nackt. Wild. Ohne Schrift. Ohne Rad. Ohne Schuld.

Es geht ja so nicht weiter. Wer das leugnet, ist ein Narr.

Und wer Narr sagt, ist verloren. Kennst du nicht diese Stelle?

Würdest du von Jesus ein Porträt machen? Sag! Wenn er dir so gegenübersitzen würde als Modell? Wenn er einverstanden wäre? Ein Foto in Schwarzweiß? Oder lieber eins in Farbe.

Wäre Jesus eine Frau, würden sicher viel mehr Männer in die Kirche gehen. Eine nackte Frau am Kreuz, eine Frau von dreißig Jahren, schön, schlank, lange Haare, die Kirchen wären voll mit alten Männern, glaube mir.

Übrigens, da fällt mir ein. Ich will mich nicht interviewen lassen. Was erhoffst du dir davon? Deinen Bruder zu befragen? Den verrückten Komponisten? Das Gespenst?

Das würde dir so passen. Willst du mich der Öffentlichkeit ausliefern? Mich verraten? An die Leute? Ich bin scheu! Ich fange an zu stottern, wenn mich jemand etwas fragt. Du musst mich beschützen vor den Leuten. Mich verstecken. Ich bin völlig unbedeutend! Ich bin Autodidakt! Schlag dir das aus dem Kopf!

Es reicht mir dieser Wirbel um die Messe. Ich schreib nie mehr eine Messe! Das war auch deine Idee.

Bis hinauf zum Bischof schlug die Woge der Entrüstung.

Das ist doch kein Kyrie! Das ist doch kein Gloria! Das soll ein Offertorium sein!

Ich kann nur komponieren, was ich höre in mir drinnen.

Das Schweigen. Das Verstummen.

Es bedeutet nämlich gar nichts, dass ich rede.

Ich rede, weil du schweigst.

In Wahrheit schweige ICH.
...

3 GRÜNE HÜGELLANDSCHAFT AUSSEN / TAG
Der Komponist und seine Begleiterin gehen über weite grüne Wiesen, die von grünen Waldstücken gesäumt sind. Der Himmel ist bedeckt. Hunde werden spazieren geführt.

MÄNNLICHE STIMME off
Erst hatte ich kein Libretto, jetzt hab ich das von Schubring, aber das ist so - gewunden, mir fällt dazu nichts ein. Zwei Artisten. Ein Zirkus, der vom Hochwasser bedroht ist. Das Wasser steigt und steigt, aber es passiert nichts. Sie reden. Das ist alles. Das ist die ganze Handlung.

Geh doch bitte nicht so schnell.

Am Schluss, bleib doch stehen, will er Tiere singen lassen. Löwen, Affen, Elefanten. Ich versteh nicht, was er meint. Was er damit sagen will. Aber er besteht darauf. Tiere, die im Chor singen! Er ist, was die Tiere angeht, wie fixiert. Ganz vernagelt. Er meint, das wird eine großartige Szene. Er will es mit e c h t e n Tieren machen. Hast du Töne?

Frau lacht.

Nein. Wirklich! Kein Witz. Ich soll mit den Tieren üben! Wie stellt er sich das vor?

Hund.

Er hat auch schon einen Platz für die Aufführung gefunden. An der Donau irgendwo. Wir müssen warten, bis die Donau übergeht. Er sagt, dass das einen einzigartigen Kontrast ergeben würde. Dieses Stift, riesengroß, mit der Stiftskirche auf dem Felsen, und darunter abgerissen, ganz mit Schlamm überzogen, dieses Zelt. Dieser Zirkus. Wie er langsam untergeht.

Weißt du, ich versuch es ja, ich gebe mir größte Mühe. Ich versuche ja diesen Chor zu komponieren. Aber trotzdem ist es trostlos. überhaupt nicht - anregend! Es interessiert mich nicht. Anfangs hat es mich gereizt. Jetzt, wo ich mich täglich damit auseinander setzen muss, finde ich es nur noch hölzern.

Und dann gab es ein Problem. Das hat er gar nicht erkannt. Ihm ist das nicht aufgefallen. Ein grundsätzliches Problem. Wenn das eine Oper sein soll, dann braucht es eine Frau. Mindestens e i n e, sag ich. Eine Oper ohne Frau! Da fehlt die hohe Lage!

Hör zu, jetzt kommt das Beste.

Kommt nicht hinterher

Warte, warte, nicht so schnell. Ich komm ja gar nicht nach.

Geht deutlich weiter hinten, spricht lauter

Darauf kommt er eine Woche später mit der Änderung im Text. Es gibt jetzt eine Frau. Der Dompteur hat eine Tochter. Aber - diese Frau ist stumm. Hast du Töne? Sie ist stumm! Weil ein Messer sie verletzt hat! Was soll ich da komponieren, wenn sie nichts zu singen hat? Darauf er -

nicht so schnell, geh doch bitte nicht so schnell

- darauf sagt er, sie singt eben wie ein Mensch, der nicht spricht. Obertöne, ein Miauen, da fällt dir schon was ein.

Ich fühle mich unterfordert. Ich will ihn ja nicht verletzen, aber er ist so vernagelt. Es wird sicher ein Fiasko.
...

4 AUTO INNEN / TAG
Die Schwester des Komponisten fährt mit ihrem Bruder zusammen Richtung Berge. Sie lenkt das Auto. Es scheint die Sonne, Felder, Kühe, Bauernhäuser ziehen vorbei. Bald wird der Verkehr dichter, sie geraten in einen Stau.

MÄNNLICHE STIMME off
...
Ja ich bin ein Pessimist. Ich bin aus Verantwortungsgefühl ein Pessimist. Ich fühle nämlich etwas. Und ich traue den Gefühlen. Ich kann in die Zukunft schauen! Nur die kurzsichtigen Menschen, das sind die Optimisten. Sie probieren alles aus. Denken, das wird schon gehen.

Das kriegen wir schon hin.

Das ist alles halb so schlimm!

So denkt der Optimist.

Pferde! Warum nicht? Die Natur ist die Lösung!

Der Motor ist ein Irrtum.

Waschmaschinen, Spülmaschinen, Melkmaschinen, Denkmaschinen. Rhythmusmaschinen! Allein schon das Wort! Es muss zünden! Wie ein Motor.

Die Trommeln der Marschierer. Das war schon immer so.

Alle fürchten sie den Rückschritt. Warum lenkt man den Verdacht nicht auf den Fortschritt? Den Verführer?

Alle sind ja schon verführt. Weltweit. Ich. Du.

ICH zum Beispiel habe dich zum Zuhören verführt. Und DU mich zum Reden. Weil du zuhörst, rede ich, weil ich rede, hörst du zu. So funktionieren wir.

Der Motor ist die Mutter aller zukünftigen Katastrophen.

Freilich hat Musik auch etwas Mechanisches. Taktschläge. Metrum. Man kann sich darauf verlassen. Doch die Basis ist das Chaos. Die Vernunft kommt von innen. Sie agiert mit Bedacht. Komponieren aus dem Chaos, das die Bausteine liefert.

Die Elektroindustrie hat die Mechanik ausgehebelt. Jetzt zappeln wir im Netz und kommen nicht mehr ran. An die Welt. An die Stille.

Ich denke Folgendes: der Verstand hasst das Chaos. Er will es beseitigen. Dadurch schafft er neues Chaos. Er vergrößert nur das Chaos. Die Vernunft dagegen ist verschwistert mit dem Chaos. So wie wir.

Ich bin der Chaotische. Du bist die Vernünftige. Du bist die Verständige. Du bist die, die reden sollte! Ich rede nur verworren. Wieso du nicht reden willst! Ich versteh das einfach nicht.

Deine Patienten reden. Reden ist die Medizin. Sogar ich hab mich entschlossen, letzten Endes, doch zu reden. Das Entsetzen zu äußern.

Es war nämlich gar nicht so verkehrt, nichts zu sagen. Durch das Reden wird man schmutzig. Doch man kann den Dreck erkennen und benennen. Wenn man redet.

Gibt es etwas zwischen uns, was du nicht sagen willst? Sag es. Ich mache mir Gedanken. Ich hab ja keine Ahnung, was ich in dir anrichte. Ob ich mich in dir bereits so eingerichtet habe, dass du keinen Platz mehr hast. In dir selber. Ist das so? Jedenfalls scheinst du meine Predigten nicht satt zu haben. Du würdest dich doch wehren? Du würdest mich doch unterbrechen, oder nicht? Dich interessiert wahrscheinlich, was so alles in mir vorgeht. Beruflich, meine ich. Ist das so? Das muss dich doch begeistern, dieses Gift in mir drinnen.

Ich bin doch ein Fall für dich!

Meine Galle ist geplatzt. Das ist der Unterschied zwischen mir und den anderen. Ich bin innerlich versauert. Ich hab alles konserviert! Aber so hab ich den Schmerz zur Verfügung. Wie mit sechzehn. Die Angst. Das Entsetzen. Ja das ist mein Nährboden. Mein Lebenselixier.

Du erinnerst dich doch an die vielen kleinen Schiffe, die ich als Kind aus Zweigen gemacht habe? Würde ich nicht komponieren, würde ich zur See fahren. Oder vielleicht wär ich Fischer. Oder Fährmann. Oder Swimmingpoolbesitzer. So hab ich meine Heimat.

Ich träume oft von Wasser. Dass es alles überschwemmt.
...

5 WEIHER AUSSEN / TAG
Ein unberührter Fleck Natur ohne Menschen. Kraniche am anderen Ufer schreiten vor dem Schilf umher.

MÄNNLICHE STIMME off
...
Die Natur ist der Arzt. Aber warum ist sie schön? Vielleicht weil sie in sich ruht? Weil sie schweigt?

Meinetwegen. Rede nicht. Bleib bei mir. Das genügt.

Die Natur schweigt n a t ü r l i c h. Weil sie sich nicht selber sieht. Ist dir das je aufgefallen?

Dieses Schilf. Dieses Wasser. Sieht sich nicht. Es ist da. Es spiegelt. Es ist bräunlich. Es bewegt sich. Aber es kann sich nicht sehen. Auch das Schilf kann sich nicht sehen. Das macht es vielleicht so schön, und so würdig, wie ich finde, geradezu erbarmungswürdig.

Das Schilf ist der Patient. Das ist die Parallele. Der Patient kann sich nicht sehen. Das Schilf kann sich nicht sehen. Beide können sich nicht sehen. Nur das Schilf w i l l nichts sehen. Es hat keinen Drang zu sehen. Sich zu sehen. Glauben wir. In Wahrheit stimmt das gar nicht. Denn die Pflanze strebt zum Tier. Und das Tier strebt zum Menschen. Das ist doch offensichtlich. Die Natur w i l l sich sehen. Das macht sie im Grunde schön. Das macht sie im Grunde würdig, wie gesagt erbarmungswürdig.

Auch du willst dich sehen. Da bin ich mir völlig sicher. Deshalb hast du auch diesen Beruf gewählt. Analyse. Nun, ich halte nichts davon. Aber das soll nichts heißen.

Machst du eigentlich noch diese Fotos? Männer sind doch - abwegig. Ich finde Frauen schöner.

Zuhören ist eine Last. Nicht, dass ich das nicht wüsste!

Wir sind eben Kinder einer unglücklichen Mutter.

Aber ich bin Komponist. Ich habe eine Stimme. Also habe ich das Recht zu reden. Ich bin eine Stimme in der Wüste. Oder nicht?

Ich kann nicht komponieren. Wenn ich komponieren könnte, wäre ich ja gut zu dir. Und wenn ich gut wäre, dann könnte ich komponieren.
...

Kann es sein, dass du mich brauchst? Dass du immer an mich denkst? Gib zu, dass du mich brauchst! Gib es zu! Du brauchst mich! Wir benötigen einander. Ich bin der Chaotische. Du bist die Vernünftige. Wir lieben uns auf eine Weise, die auf jeden Fall erlaubt ist. Ich habe mich erkundigt. Du kannst ganz beruhigt sein.

Sag, wie denkst du darüber?

Sag etwas! Sprich endlich! Bin ich dir nicht gut genug? Willst du nicht mit mir reden? Ein paar Worte mit mir wechseln? Ausnahmsweise? Sag etwas!

Ja ich bin ein Egoist! Du hast mich dazu gemacht! Deinetwegen hocke ich jetzt in der Zelle. Angekettet. Angeschmiedet. An meine Scheinbegabung. Wie so ein Galeerensträfling. Der sich angeschissen hat.

Aber diese Schlacht wird das Abendland verlieren!

Die Musik ist am Ende.

Sie entfernt sich rasch und plötzlich

Geh nicht weg! Geh nicht weg! Geh nicht weg! Geh nicht weg! Lauf nicht weg! Bleib da! Bleib da! Bleib stehen!

Weint

Bleib stehen. Bleib stehen. Bleib stehen. Bleib da.

Sehr leise

Komm zurück. Komm zurück. Bitte, bitte, ich sterbe.

Noch leiser

Ich ertrinke. Ich ersticke.

Ich schweige.

Für immer.

Sie bleibt stehen, kommt wieder zurück.

Längere Pause

Ich bin übrigens der Meinung, dass wir alle Puppen sind. Inwendig sind wir Holz. Nur nach außen hin sind wir Sänger, Ärzte, Rechtsanwälte usw. Wie ich finde, im Verhältnis zuviel Rechtsanwälte. Und zu viele Komponisten. Zuviel Architekten auch. Es wird zuviel gebaut. Es wird zuviel geschrieben. Komponiert und telefoniert und philosophiert und abstrahiert und umgegraben und ununterbrochen irgendetwas Neues angerichtet und errichtet. Findest du nicht? Hörst du mir zu?

Dass ich mich auf alles stürze, wenn ich rede, daran - bist im Grunde du schuld. Denn du hinderst mich ja nicht. Du lässt mich einfach reden. Du lässt einfach alles zu. Ich rede, du schweigst. Ich verbreite, ich verliere mich in meinem unsäglichen Unsinn. Ich entblöße mich bis auf die Knochen. Irre durch mein Labyrinth, das ein Seelenlabyrinth ist, und du schaust ganz ruhig zu. Oder hörst du mir nicht zu? Dich interessiert ja gar nicht, was ich sage. Was ich sage, zu DIR sage, ist wie gegen eine Wand gesagt. Ich könnte grad so gut in das Schilf da hinein reden. Und ich rede ja hinein. Aber es kommt nichts heraus! Das Schilf gibt keine Antwort!

Du hast mir etwas voraus. Ich kann es nicht erklären. Es ist ein Geschlechtervorsprung, eine Frauenmöglichkeit. Du versteckst das vor mir. Ich soll ihn nicht erkennen, deinen weiblichen Verstand.

Ich fühle mich so haltlos, uferlos neben dir. Du bist so viel weiter immer. Immer bist du still, friedlich. Ich dagegen…

… bin aus Eisen, hörst du mich? Wie du schweigst! Wie ein Schilf! Wie gefällt dir der Vergleich?

Glaubst du, ich bin eine Puppe? Glaubst du, du kannst mich verändern und verbessern? Therapieren? Wage nicht, mich zu verändern! Das tut alles furchtbar weh.

Ich habe mich entwickelt! Das ist mein Kapital.

Die Musik ist mein Schiff. Aber du bist das Wasser! Nur weil du um mich herum bist, kann ich leben! Mich verändern. Mich bewegen.

Wage nicht, mich zu kapern!

Schnitt zu einem Gang auf dem Steg

Was denkst du, wer du bist? Meine Krankenschwester? Meine Ärztin? Willst du mich zu Tode pflegen? Bis von mir nichts übrig ist? Der Kranke, der soll leben! Ich habe ein Recht zu leben! Dich zu überleben! Hörst du?

Mein Werk ist unvergänglich!

Wieso sprichst du nicht mit mir? Bin ich nur ein Fall für dich? Ein Patient? Weiter nichts?

Machst du dir ein Bild von meiner Krankheit, oder wie? Was versprichst du dir davon?

Willst du was zum Weinen haben?

Frau lacht

Lach mich aus! Also los! Ich möchte zurück nach Hause. Ich hab schon nasse Füße.

Es wird sich an unserem Verhältnis nichts mehr ändern. Du hast dich von mir entfernt. Du hast dich total auf diese Analyse eingelassen. Das ist jetzt dein Beruf. Du bist in ihm verschwunden.

Wie bist du nur konstruiert, dass du so belastbar bist? Warum gehst du denn so schnell?

Plötzlich in ganz anderem Ton
Hast du den Mantel im Auto gelassen? Ist dir kalt? Soll ich fahren? Es gibt da noch ein Wurstbrot. Hast du Lust auf ein Ei? Ich kann ohne dich nicht sein. Du bist meine Lebensnahrung.

Rede ich dir zu abstrakt?
...